Aus der polnischen Presse
Prof. Dr. Malgorzata Czabanska-Rosada
Beiträge und Bilder entstammen teilweise den Zeitungen „Gazeta Lubuska” und „Glos Miedzyrzecza i Skwierzyny”, redigiert von Artur Anuszewski, Dariusz Brozek, Henryka Bednarska, Andrzej Chmielewski, Aleksandra Gajewska-Ruc, Leszek Kalinowski, Kamil Kaluziak, Dorota Lipnicka, Lidia Radzion, Katarzyna Santocka-Tureczek.



Miedzyrzecz / Meseritz


Meseritz - Einsturz des Kinodachs in den Zuschauerraum 2006Die Baukatastrophe vor 13 Jahren
Am 5. Mai 2006 sollte um 18.30 Uhr eine Filmvorführung für Kinder beginnen. Fast wären die Kleinen dabei ums Leben gekommen.
Eine halbe Stunde zuvor hatten Kinder aus der Tanzgruppe TRANS, die gerade eine Probe vor einem wichtigen Tanzwettbewerb beendet hatten, das Gebäude verlassen. Kurz danach stürzte das Dach ein.
Gegen 18 Uhr hat Herr Stanislaw, der im Kulturzentrum eine Dienstwohnung bewohnt, einen Riesenkrach gehört. „Ich wußte nicht, was los ist und lief nach draußen“, erinnert er sich. Ein Mitarbeiter des Kinos, der zur selben Zeit gerade im Foyer stand, hatte zuerst den Lärm gehört, so als ob jemand Porzellanteller zerschlägt. Dann sah er Staubwolken vom Zuschauerraum auf sich zukommen.
„Im ersten Augenblick dachte ich, es sei ein Attentat“, sagt er. Ein Teil des Daches war auf einer Fläche von etwa 400-500 m2 in den Zuschauerraum gestürzt. Der Saal mit 420 Sitzplätzen wurde mit einer meterdicken Schicht aus Staub, Schutt und Deckenbalken zugeschüttet. Die Feuerwehr durchsuchte die Unglücksstelle sofort mit Hilfe einer speziellen Thermokamera, aber zum Glück gab es keine Opfer.

Die Gemeinde hat niemals Schadenersatz für das eingestürzte Dach erhalten, weil die Gebäudeversicherung eine derartige Katastrophe nicht abdeckte. Der Wiederaufbau und die Modernisierung dauerten fünf Jahre. Das Kino wurde erst im März 2011 wiedereröffnet. Neue Technik und fortschrittliche Ausstattung, die beim Wiederaufbau verwendet wurden, machen das Kino in Meseritz zu einem der modernsten Filmtheater in der ganzen Woiwodschaft Lebus. Heute erinnern sich nur noch wenige an die Ereignisse vor 13 Jahren.
Im Kinogebäude finden nicht nur Filmvorführungen statt, sondern auch Konzerte und offizielle Feierlichkeiten. Das Gebäude, in dem sich heute das Meseritzer Kulturzentrum und Kino befindet, ist Anfang der 70-er Jahre auf den Ruinen eines unvollendet gebliebenen deutschen Bauwerkes entstanden. Schon vor dem Krieg wollte man hier ein Kino errichten.


Meseritz - gefährlicher Restmüll durch Starostei entsorgt März 201935 000 Euro für zurückgelassenen Müll
Eine so hohe Summe muß die Meseritzer Starostei für die Abfuhr und das Recycling des gefährlichen Mülls bezahlen, den unbekannte Täter in der
Nähe von Meseritz auf zwei Sattelaufliegern zurückgelassen hatten.
Ende März 2019 wurden 60 Tonnen gefährliche Stoffe gefunden, die Unbekannte in Fässern, Dosen und anderen Behältern abgestellt hatten. Sie waren in zwei geparkten und verlassenen Sattelaufliegern untergebracht, von denen zuvor jeder Hinweis auf den Inhaber der beiden Anhänger entfernt worden war.
Der gefährliche Müll besteht aus Farb- und Lackresten, Kohlefiltern, Öl und Bauschutt. Die Polizei ist noch immer auf der Suche nach den Tätern.


Sammlung von Steindenkmälern auf dem ehemaligen kath. Friedhof in Meseritz Ein außergewöhnliches Lapidarium
Noch viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg hat man in den 1945 Polen zugewiesenen Westgebieten mit Verachtung und Abschätzung das deutsche Kulturerbe behandelt, insbesondere auch die evangelischen Friedhöfe, die ungestraft geplündert und zerstört wurden. Doch jetzt hat sich das Verhältnis der dort lebenden Menschen zur deutschen Vergangenheit geändert.
Auf dem stillgelegten Friedhof in Meseritz entstand ein Lapidarium (Sammlung von Steindenkmälern). Die entlang der Ziegelmauer aufgestellten 94 Grabplatten mit ihren Inschriften in Deutsch sind sehr beeindruckend.
Für die Entstehung des außergewöhnlichen Lapidariums waren Genehmigungen des Denkmalschutzamtes und der Stadt erforderlich. Manche Bewohner kritisieren die Aufstellung der Grabplatten in deutscher Sprache. Es gibt jedoch auch viele anerkennende Worte für diese ungewöhnliche Idee, auf die Leszek Kolodziejczyk kam. Er will dort noch zwei Informationstafeln aufstellen. Der alte Friedhof wurde vor über 50 Jahren aufgelassen.
Dennoch gibt es dort weiterhin viele Gräber und Familiengruften aus dem 19. Jahrhundert. Zu den wichtigsten Denkmälern des Friedhofs gehört das Grab Großpolnischer Aufständischer, die 1918/1919 während der Kämpfe bei Kupferhammer von Deutschen festgenommen wurden und später infolge der erlittenen Verletzungen und Krankheiten im Meseritzer Krankenhaus verstarben. Die hundert Grabsteine mit deutschen Inschriften sind hier eine Neuheit. Sie wurden am nordöstlichen Teil der Friedhofsmauer aufgestellt, die früher den katholischen vom evangelischen Friedhof trennte.

„Es ist wahrscheinlich das erste Lapidarium in der ganzen Region, das den ehemaligen Bewohnern evangelischen Glaubens gewidmet ist“, betont Kolodziejczak. Er war Initiator und „Macher“ des Projektes. Viele Jahre war er Leiter des benachbarten Krankenhauses.
Seit ein paar Jahren reifte diese Idee in ihm. Als die Genehmigung des Denkmalschutzamtes und der Stadtverwaltung erteilt wurde, machte er sich an die Arbeit. Wichtig war dabei auch die finanzielle Unterstützung der Gemeinde und des Kreises.
Die Grabplatten stammen von verschiedenen evangelischen Friedhöfen des ehemaligen Kreises Meseritz. Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen ihr Zerfall und die Zerstörung.
Vor ein paar Jahren wurden sie von Tomasz Czabanski nach Meseritz gebracht und auf dem zum Museum gehörenden Gelände deponiert. Jetzt wurden sie senkrecht eingemauert, damit Regen und Witterung möglichst keine Angriffsfläche haben. Die meisten Grabplatten stammen aus dem 19. Jahrhundert. Man kann leicht die Namen der Verstorbenen und ihre Lebensdaten ablesen. Die Gegner des Projektes kennen die verworrene und multikulturelle Geschichte der Stadt nicht, in der Polen, Deutsche und Juden gemeinsam ein friedliches Leben führten. Vielleicht wissen sie auch nicht, daß sich nebenan der zu Anfang des 17. Jahrhunderts gegründete evangelische Friedhof befand.

Der ehemalige evangelische Friedhof wurde kurz nach dem Krieg geschlossen. Im Nordteil des Geländes hat man ein Restaurant und im Südteil einen Kinderspielplatz errichtet. Heute erinnert lediglich ein Mitte der 90-er Jahre des 20. Jahrhunderts eingeweihter Gedenkstein an den ehemaligen evangelischen Gottesacker.
Die geplanten Informationstafeln sollen – in Polnisch und in Deutsch – auf die historisch-kulturellen Verflechtungen hinweisen. Kolodziejczak hofft, daß diesen Teil seines Projektes lokale Firmen mit deutschem Kapital und der Heimatkreis Meseritz-Birnbaum finanzieren werden. Er hat sogar schon den Text entworfen.
Der ehemalige Direktor des Meseritzer Krankenhauses ist ein großer Geschichtsliebhaber. Aufgrund seiner Initiative wurde am ehemaligen jüdischen Friedhof ein Gedenkstein gestellt. Er war es auch, der die Idee hatte, die Einkaufsmeile am Marktplatz von Meseritz nach Johann Jacob Vollmer zu benennen (Tuchgroßhändler aus Meseritz, 1752 – 1836).
Der ehemalige katholische Friedhof ist ein wichtiger Ort auf der Landkarte der Stadt. Auf dem in den 30-er Jahren des 19. Jahrhunderts gegründeten Friedhof wurden 130 Jahre lang Bewohner von Meseritz katholischen Glaubens beigesetzt. Dort ruhen die Gebeine vieler Menschen, die sich große Verdienste um die Entwicklung und das Wohlergehen der Stadt erworben haben.


Videobeitrag

Link - (Bitte klicken, wenn das Video nicht abgespielt wird): https://youtu.be/BquTY_yaDJw


Der HKr Meseritz e.V. dankt Herrn Leszek Kolodziejczak im Namen aller ehemaligen Bewohner unserer Heimatregion für seine großartige Initiative. Heimatfreunde, die dieses Projekts solidarisch unterstützen möchten, wollen bitte ihre Spende mit dem Stichwort „Lapidarium“ zweckgebunden auf das Konto des Heimatkreis Meseritz e.V. IBAN: DE06 4401 0046 0071 8704 68 überweisen.
Heimatkreis Meseritz e.V. – Albrecht Fischer von Mollard (Vors.)


Erster überlieferter poln. Liebesbrief 1429 aus MeseritzWer hat den ersten Liebesbrief
in Polnisch geschrieben?

Die Antwort lautet: Martin aus Meseritz! Und es ist kein Witz (obwohl es sich reimt)! Man weiß nicht, wie alt er war und wie er aussah.
Martin aus Meseritz ist in die Geschichte als Verfasser des ersten Liebesbriefes in polnischer Sprache übergangen. Und dieser wurde vor …590 Jahren geschrieben. In ersten Zeilen nenn er seine Geliebte „Allerliebstes Fräulein“. Der 1429 geschriebene Brief beginnt zwar mit einem lateinischen Gruß, weiter aber bedient sich der Verfasser der polnischen Sprache. Die Historiker sind sich einig. Es ist ohne zweifel der erste Liebesbrief in Polnisch.
Martin aus Meseritz (Marcin z Miedzyrzecza) war Sekretär des Posener Bischofs Stanislaw Ciolek. Er schickte den Brief an seine Geliebte im Jahr 1429 während seiner Reise nach Posen.
In der polnischen Geschichte wird Mikolaj Rej als Vater der polnischen geschriebenen Sprache anerkannt. Der schrieb jedoch die ersten Sätze auf Polnisch über einhundert Jahre später, als Martin. Warum also hat man Martin nicht hoch geschätzt? Sein Brief wurde relativ spät gefunden. Das Original des Briefs befindet sich in Beständen der Jagiellonen Universität in Krakau. Im Museum Meseritz wird nur seine Kopie aufbewahrt. Der durchschnittliche Kowalski (Schmidt) wird ihn jedoch sowieso nicht lesen können. Die Schrift ist heute unbekannt – mittelalterliche gotische Transkription, die nur für reife slawistische Sprachwissenschaftler keine Geheimnisse hat.
Man weiß auch nicht wer die Empfängerin des Briefes war. Martin erwähnt die letzte Begegnung mit ihr. Er versichert sie von seiner Liebe. Und erzählt, dass er ein anderes schönes Mädchen kennengelernt hat, und trotzdem treu seiner Geliebten geblieben ist.


Frühlingsaufräumen auf dem alten katholischen Friedhof Meseritz 2019Frühlingsaufräumen auf dem
alten katholischen Friedhof

Die Veranstalter der im März durchgeführten Arbeiten waren Geschichtsliebhaber, vereint im Geschichtsverein des Meseritzer Ländchens, der von Prof. Dr. Marceli Tureczek von der Universität Grünberg und hervorragenden Experten der Geschichte dieser Region, geleitet wird.
Der ehemalige katholische Friedhof in Meseritz ist ein wichtiger Ort auf der kulturhistorischen Landkarte der Stadt. Die Enthusiasten der Geschichte haben die historische Nekropole wieder in Ordnung gebracht.
„Aus Rücksicht auf die Jahreszeit und die Blütezeit des sibirischen Blausterns haben wir unsere Aktion so organisiert, damit die schöne und hier so üppig blühende Blume nicht beschädigt wird. Es ist uns gelungen eine Menge Zweige, alter Windlichter, Flaschen und Müll zu sammeln“, kommentiert Tureczek.
Der Friedhof wurde 1966 stillgelegt. Es befinden sich dort historische Kapellen und viele Gräber. An der Aktion beteiligten sich zehn Mitglieder des Vereins.
„Um diese Jahreszeit ist der alte Friedhof – ein wertvolles Denkmal und Naturensemble – ein der schönsten Orte der Stadt. Im Namen aller Geschichtsliebhaber bedanke ich mich bei jenen, die sich beteiligt haben. Es hat sich gelohnt!“, sagt der Vorsitzende des Vereins, der in Wischen bei Meseritz sein Domizil hat.



Pszczew / Betsche


Pszczew-Betsche: Damwild fiel Wölfen zum OpferDamwild fiel Wölfen zum Opfer
Marek Koch hat eine Damwildzucht bei Betsche. Sein Gehöft liegt mitten im Wald. „Als Ende März in der Nacht die Hunde wütend bellten, ahnte ich nichts Böses“, erzählt er. Am nächsten Morgen zeigte sich vor seinen Augen ein dramatisches Bild: Zwei Damhirsche waren nahezu aufgefressen und vier weitere Stück Damwild waren verendet – totgebissen. Die Verluste sind immens.
Jetzt überlegt er, wie er sich für die Zukunft vor solchen Attacken schützen kann. Die Zucht ist umzäunt, die Metallgitter stecken tief im Boden, und trotzdem haben es die Wölfe geschafft. Der Landwirt ist überzeugt, daß es Wölfe waren. Sie haben viele Spuren hinterlassen.
Kochs Zucht gehört zu den größten und ältesten in der Region. Um Betsche gibt es viele abgelegene Bauernhöfe, die einsam zwischen Wäldern und Feldern stehen. Die Landwirte haben jetzt Angst, daß ihnen ein ähnliches Schicksal widerfährt. In der Nähe von Meseritz hat man einige Rudel lokalisiert, die ihre Behausungen in der Umgebung von Kainscht, Bobelwitz und Kalzig haben. In den Wäldern um Meseritz gibt es immer mehr Wölfe, und die machen immer mehr Probleme.


Als erste brach die Mutter in Tränen, dann die Kinder und zum Schluss weinte auch der Vater...
Die Felder blau vom blühenden Leinen, der unvergessene Geschmack des Hefeteigs und der Sauerbrotsuppe – so erinnert sich die Lemkin Anna Wisniewska, geborene Prycik an ihr Heimatdorf Banica, aus dem sie zwangsweise im Juni 1947 ausgesiedelt wurde.

Mit Dariusz Brozek, dem Regionalforscher und Journalisten, trifft sie sich in Folwark Pszczew, um über das Schicksal der Familie zu erzählen, die ihrer Heimat beraubt und in die Fremde vertrieben wurde. Die Fremde waren die nach 1945 Polen zugewiesenen Westgebiete, die in der offiziellen Propaganda „wiedergewonnene Gebiete“ genannt wurden.
Für die Umsiedler und Zwangsansiedler waren es „ausgebeutete Gebiete“ – ehemalige deutsche Gebiete, demoliert und ausgeraubt - zuerst von den Russen und später von polnischen Plünderern. Die 80-Jährige kommt mit dem Auto. „Ich wollte einen Moped-Führerschein machen. Als sich aber herausstellte, daß ich nur einhundert Zloty zuzahlen mußte, um den Auto-Führerschein zu bekommen, war es eine leichte Entscheidung. Und so sitze ich nun schon seit 40 Jahren hinterm Steuerrad - ohne Unfall und ohne Strafe!“ sagt sie.

Fast 72 Jahre nach der Umsiedlung erinnert sich Wisniewska an ihr Heimatdorf. In den Nächten träumt sie von blauen Feldern, grünen Wäldern, Obstgärten und den mit Blumen geschmückten Häusern. Und von Walderdbeeren, die sie zusammen mit ihren Geschwistern in Kannen pflückte und dann mit Sahne verzehrte.
„Als wir am Sonntag zur Kirche gingen, haben wir unsere Socken und Schuhe erst vor dem Eingang angezogen. Im Winter liefen wir barfuß durch den Schnee. Und ich war niemals erkältet. Wenn jemand zu Hause krank war, dann hat ihn die Mutter mit Kräutern behandelt. Gegen Magenschmerzen gab sie uns Wermut“, erzählt Wisniewska. Im Juni 1947 war sie acht Jahre alt. Mit ihren Eltern und Geschwistern aß sie gerade zu Mittag, als zwei Soldaten das Haus betraten. Es herrschte Grabesstille, die Löffel verharrten über der gemeinsamen Schüssel.
„Sie haben uns gesagt, daß wir packen und unser Gehöft verlassen müssen. Sie gaben uns zwei Stunden Zeit. Sie fragten noch, wohin wir fahren wollen – gen Westen oder gen Osten. Der Onkel wählte den Osten, so wurde er in die Sowjetunion umgesiedelt. Der Vater entschied sich glücklicherweise für den Westen“.

Die Familie hatte keine Ahnung, daß gerade die Aktion „Weichsel“ lief. Angehörige des Militärischen Sicherheitsdienstes siedelten aus Bieszczady – dem Gebirgszug der Karpaten – damals etwa 150.000 Menschen nach Westen um. Die dortigen Dörfer und Siedlungen hatten sie von Ukrainern „gesäubert“, in der Befürchtung, daß diese die Ukrainische Aufstandsarmee unterstützen würden.
„Wir waren aber keine Ukrainer. Erst hier erfuhr ich, daß wir Lemken sind. Und Lemken, das war ein Goralenvolk, orthodox und keine Ukrainer!“, betont Wisniewska.
Soldaten versicherten, daß im Westen alles auf sie warten würde: gut ausgestattete, mechanisierte Landwirtschaftsbetriebe, Vieh und Saatgut. Annas Eltern hatten das aber nicht geglaubt. Sie nahmen Kühe, Schweine, Enten, eine Ziege, Lebensmittel, Kleidung und Federbetten mit.
Unter den Habseligkeiten befand sich auch ein handgesticktes Mieder, das heute eine Familienreliquie ist. „Es ist fast einhundert Jahre alt und ich habe es von der Mutter bekommen“, sagt die ältere Dame.
Die erste Haltestelle auf dem Weg ins Ungewisse war das Städtchen Gorlice, wo der Familie ein Viehwaggon zugewiesen wurde – durch Soldaten bewacht. In einem Teil des Waggons stand das Vieh und im anderen hockte die Familie Stefan und Julia Pryciks mit den Kindern Jan, Anna, Stefania und Pawel.
Zwei jüngere Kinder – Genowefa und Michal – wurden noch nach der Umsiedlung geboren. Nach einer einwöchigen Fahrt hielt der Zug in Meseritz an.
„Uns wurde eine Landwirtschaft in Solben zugeteilt. Wir haben geweint, als wir das verwahrloste Gehöft sahen. Als erste brach die Mutter in Tränen aus, dann die Kinder und zum Schluß weinte auch der Vater.
Das Haus war mit einem Schilfdach bedeckt, keine Türen und Fenster, und in den Stuben wuchsen hüfthoch Brennnesseln und Unkraut. In der Heimat, in Banica, haben wir ein ordentliches, mit Ziegeln gedecktes Haus zurückgelassen und hier gaben sie uns eine Bruchbude und ein mit Unkraut bewachsenes Brachland“
.
Die Nachbarn haben geholfen. Ein Jahr danach gingen Anna und ihr älterer Bruder zur Schule. Sie befand sich im drei Kilometer entfernten Kalzig.

„Wir gingen zu Fuß, weil Fahrräder damals ein Luxus waren. Ich erinnere mich an die Zigeunerlager, die entlang der Straße aufgeschlagen wurden“. Die ersten Wochen in der Schule waren für Anna die Hölle. Sie sprach kein Polnisch, verstand nicht, was die Kinder und Lehrer zu ihr sagten. Kurz vor dem Schulabschluss kam der Schuldirektor zu den Eltern und erklärte ihnen, daß Anna sehr begabt sei und das Abitur machen solle.
So ging sie nach Zielenzig auf eine weiterführende Schule. Fünf Jahre hat sie dort verbracht. Nach der Reifeprüfung wurde sie im Kindergarten in Dürrlettel angestellt. Nach ein paar Jahren ging sie nach Betsche, wo sie ihren Mann Herbert kennenlernte. Er stammte aus einer deutschen Familie, seine Schwester sprach nur ein gebrochenes Polnisch.

„Trotz aller Kulturunterschiede haben wir uns sehr schnell gefunden und uns verliebt. Herberts Mutter hat mich wie eine Tochter behandelt“. Aus der Freundschaft wurde eine große Liebe. Die unterschiedlichen Konfessionen standen auch nicht im Wege. Anna konvertierte zum Katholizismus. Nach 52 Jahren glücklicher Ehe ist Annas Mann gestorben. Sie haben gemeinsam drei Kinder, sieben Enkelkinder und einen Urenkel. Oft kehrt sie in der Erinnerung in ihre Kindheit zurück. Zum Hefeteig, den die Mutter immer vorbereitet und gebacken hatte, und der so lecker duftete und schmeckte.
„Ich kann den Teig heute nicht mehr so gut zubereiten. Mehl und Milch und Butter sind nicht mehr so rein und echt wie damals zu Hause“, sagt sie.

Die Magie der Kindheit sind auch die Feste. Vor allem das Weihnachtsfest, das Familie Prycik nach orthodoxem Kalender am 6. Januar feierte. „Vor dem Abendessen hat der Vater immer Wasser aus dem Brunnen geschöpft. Und wir haben damit unsere Gesichter gewaschen. In den Händen hatten wir Münzen, was Reichtum bringen sollte. Die Mutter legte drei Laib Brot auf den Tisch, einen über den anderen, und der Vater legte ein paar Knoblauchzehen darauf. Die Mahlzeit begann mit dem Brot und dem Knoblauch. Dann folgte eine Pilzsuppe, Bratkartoffeln und die Sauerbrotsuppe.“ Wisniewskas Steckenpferd sind Handarbeiten. Sie war immer fleißig und geduldig.
„Heute leben die jungen Menschen sehr schnell und haben keine Zeit für solche Dinge“, schließt sie ihre Erzählung.




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