Post aus Tirschtiegel
von Albrecht Fischer von Mollard


Heute können wir wieder einmal Post aus Tirschtiegel präsentieren – Sonderbares, Merkwürdiges, Bemerkenswertes oder einfach nur Liebenswertes aus dem Vorkriegs-Tirschtiegel, geangelt im Internet und erfolgreich an Land gezogen.

Aus Anlass des 450. Jubiläums des Geburtstages von Martin Luther am 10. November 1933 wurde von der Reichspost eine spezielle Postkarte herausgegeben. Die Vorderseite der Karte schmückt neben dem Adressfeld das Konterfei des Reformators mit der Bildunterschrift:
Martin Luther 1483 • 10. November • 1933.


Sein Blick ist in die Ferne gerichtet, möglicherweise sagt er sich: Mir ist egal, was hinter meinem Rücken – also auf der Rückseite der Karte – geschrieben wird, ich kann es eh nicht beeinflussen. Hätte er den dort niedergeschriebenen Text lesen können, würde sich vermutlich ein leichtes Stirnrunzeln auf sein Gesicht legen.
Wir wissen nicht, warum sich der Absender gerade für diese Karte entschieden hat, um sein Anliegen vorzutragen. Hatte er keine andere Karte zur Hand oder versprach er sich von Luther einen gewissen Beistand zur Durchsetzung seines Wunsches? Wollte er sich als Provinzler mit Luther vielleicht Respekt bei dem angeschriebenen Möbelhaus in der „Reichshauptstadt“ verschaffen oder einfach nur einen Vertrauensvorschuss sichern, den er in diesem Fall sicherlich bitter nötig hatte? All das wissen wir nicht.
Wir lesen heute nur noch die „bescheidene Anfrage“:




Tirschtiegel/Grenzmark, den 17. XI 1933
Berliner Str.160

Hochverehrliche Firma!
Erlaube mir hierdurch die bescheidene Anfrage, ob ich evtl. für sofort ohne Anzahlung bei monatlichen Teilzahlungen oder wöchntl. ein einfaches komplettes Schlafzimmer, 1 komplette Küche mit Anrichte, 1 Diplomat-Schreibtisch und 1 Schreibtisch-Sessel geliefert erhalten könnte und bitte höflichst um Ihre umgehende geschätzte Rückäußerung mit Preisangabe.
Mit vorzüglicher Hochachtung ganz ergebenst
W. A. W. Schmidt



Der Anlass dieser bescheidenen Anfrage bleibt uns ebenso verschlossen wie wir auch die Antwort aus Berlin nicht kennen. Aber vielleicht ist das gerade das Spannende und Schöne an der Post aus Tirschtiegel: Es bleibt die Hoffnung, dass es gut ausgegangen ist - für alle Beteiligten!