Die Heimatglocke
Text: Markus Reiß
Fotos: Archiv Heimatgruß, M. Reiß


Bei einem Besuch des Heimatkreistreffen in Perleberg kam mir die außergewöhnliche Geschichte einer Glocke aus meiner Heimatstadt Zörbig in Sachsen-Anhalt in den Sinn. Die Redaktion HEIMATGRUSS regte an diese historische Episode für den HEIMATGRUSS zu veröffentlichen.
Wer von Frankfurt (Oder) über die polnische A2 anreist und am Kreuz Jordanowo Richtung Meseritz abbiegt, erblickt nach knapp zwei Kilometern linker Hand ein imposantes Turmpaar. Es gehört zur Kirche der ehemaligen Abtei Paradies. Im Jahr 1993 konnte ich das Kloster erstmals besuchen – als Teil einer kleinen Reisegruppe von „Meseritzern“, die der damalige Zörbiger Pfarrer und Geistliche Rat Walter Reiche (* 6. Januar 1913 in Kainscht, Kreis Meseritz; † 14. August 2003 in Zörbig, Kreis Bitterfeld) um sich geschart hatte.
Im nahe gelegenen Brätz wurde 1927 mein Vater geboren. Der damalige Bericht dazu, den ich für den Heimatgruß verfasste, ist im Archiv des Heimatkreises Meseritz zu finden.


Kloster Paradies
Kloster Paradies um 1886


Ab 1236 errichteten Zisterziensermönche aus dem brandenburgischen Lehnin nahe dem Dorf Gostichowo das Kloster „Paradies“, dessen Name später auf den gesamten Ort überging. Die Anlage lag auf polnischem Gebiet, befand sich ab 1364 jedoch in direkter Grenzlage zu Brandenburg und Schlesien. Ehemals im Kreis Meseritz gelegen und historisch zu Großpolen gehörend, zählt der Ort seit 1947 unter dem Namen Goscikowo zum Kreis Schwiebus in der Woiwodschaft Lebus. Im 18. Jahrhundert wurde die Klosterkirche ein letztes Mal umfassend erneuert. Neben der barocken Neugestaltung von Innen- und Außenbereich erhielt die Kirche zwei neue Westtürme, für die in den Jahren 1779 und 1780 ein dreistimmiges Geläut gegossen wurde.
Im Zuge der Zweiten Polnischen Teilung im Jahr 1793 – als die Nachbarmächte Russland, Österreich und Preußen das durch innere und äußere Konflikte geschwächte polnisch-litauische Reich unter sich aufteilten – fiel die Abtei an Preußen. Die neuen Behörden zeigten kein Interesse daran, ein katholisches und zudem polnisch geleitetes Kloster zu fördern. Ihr Fokus lag stattdessen auf dem beträchtlichen Land- und Waldbesitz der Mönche.
Konsequent folgte 1798 die weitgehende Säkularisation der Besitztümer. Im Jahr 1810 untersagte der Staat schließlich die Aufnahme neuer Brüder. Die verbliebenen 17 Konventsmitglieder – acht Polen, fünf Böhmen und vier Deutsche – wurden fortan durch staatliche Kompensationszahlungen unterhalten oder auf Pfarrstellen in der Umgebung verteilt. Als im Jahr 1834 der letzte Prior, Karol von Falecki, als Propst von Kalau starb, endete die sechshundertjährige Geschichte des Klosters Paradies.
Zwei Jahre nach der Auflösung des Klosters zog 1836 ein katholisches Schullehrerseminar in den Gebäudekomplex ein, dem 1922 eine staatliche Sekundarschule folgte. In den letzten Jahren des Dritten Reiches diente die Abtei als pädagogisches Institut zur Lehrerausbildung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm der Salesianer-Orden die Anlage und führte dort ab 1947 ein Knabeninternat.
Ab 1956 beherbergte das Kloster zunächst Teile und später das gesamte Diözesanseminar Gorzów Wielkopolski (Landsberg an der Warthe). Seit der Neuordnung des Bistums im Jahr 1992 fungiert der geschichtsträchtige Komplex als Priesterseminar der Diözese Zielona Góra- Gorzów.

Nun zum eigentlichen Kern unserer Geschichte: der eingangs erwähnten Glocke. Die Quellenlage zu den Paradieser Glocken ist teils lückenhaft und widersprüchlich. Das historisch wertvollste Stück, eine Glocke aus dem 13. Jahrhundert, fiel wohl bereits im Ersten Weltkrieg gemeinsam mit Zehntausenden anderen der Rüstungsproduktion zum Opfer. Für das Jahr 1926 sind in der Klosterkirche noch drei Glocken dokumentiert (Doetsch, 1926).
Sie stammten aus den Jahren 1779/1780 und wurden von der bekannten Gießerei Kalliefe aus Lissa (Leszno) gegossen. Während die kleinste Glocke namens „Josef“ noch heute ihren Dienst in Paradies versieht, wurden die beiden größeren, „Jesus“ und „Maria“, im Zweiten Weltkrieg – vermutlich zwischen 1941 und 1942 – als sogenannte „Metallspende des deutschen Volkes“ für die Rüstungsindustrie beschlagnahmt und abtransportiert. Dass sie dem Schmelzofen entgingen, lag am Kriegsende, aber auch an den schieren Massen des eingesammelten Buntmetalls, welche die Kapazitäten der Hüttenwerke überstiegen. So überdauerten zahlreiche Glocken auf den Sammelplätzen, den sogenannten Glockenfriedhöfen..


Die Glocken 1953 auf der Baustelle, links die „Misericordia“, rechts die „Maria“ aus Paradies


Nach der deutschen Niederlage sowie im Zuge von Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Ostgebieten erreichte im Frühjahr 1946 auch ein junger katholischer Priester das kleine mitteldeutsche Städtchen Zörbig im Kreis Bitterfeld: Es war Walter Reiche. In der damaligen sowjetischen Besatzungszone wurde er mit der Leitung der Pfarrvikarie der St.-Antonius- Kirche betraut.

Walter Reiche wurde am Dreikönigstag 1913 als Bauernsohn in Kainscht (heute Keszyca) geboren. Nach seinem Studium in Freiburg im Breisgau weihte ihn Bischof Maximilian Kaller 1939 in Schneidemühl (Pila) zum Priester. Die Primiz, die erste heilige Messe, feierte er in der Klosterkirche Paradies – begleitet wohl noch vom Klang des damals vollständigen Geläutes.
Seine Heimatgemeinde Kainscht existierte zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr: Die Dorfbewohner hatten ihren Ort nach 1933 wegen des Baus der Festungsfront Oder-Warthe-Bogen (Ostwall) verlassen müssen und neue Höfe erhalten. Die Katholiken unter ihnen siedelten sich zumeist im benachbarten Paradies an.
Tief prägend für Reiche wurde seine anschließende Tätigkeit als Pfarradministrator im kaschubischen Sierakowitz (Sierakowice). Sein mutiges Wirken in der schwierigen NS-Zeit und darüber hinaus – bis zum Silvesterabend 1945 – blieb unvergessen, und der Kontakt riss nie ab.

Nach der politischen Wende von 1989 mündete diese Verbundenheit in herzliche gegenseitige Besuche zwischen den Gemeinden Zörbig und Sierakowice.
Im Jahr 1999 wurde Walter Reiche zum Ehrenbürger der polnischen Gemeinde ernannt – ein Jahr, bevor ihm die gleiche Würdigung auch in seiner neuen Heimat Zörbig zuteil wurde. In bleibender Erinnerung an sein Lebenswerk wurde im Jahr 2006 nahe der St.-Antonius-Kirche, seiner langjährigen Wirkungsstätte, eine Straße nach ihm benannt.

Doch zurück: Im April 1950 erreichte ein Brief des Deutschen Caritas-Verbandes aus Berlin die Gemeinde in Zörbig. Absender war Ludwig Polzin, ein ebenfalls aus der Grenzmark stammender Priester (von 1953 bis zu seinem Tod 1964 Kapitularvikar der Freien Prälatur Schneidemühl). Er wandte sich direkt an den Zörbiger Pfarrer Reiche: Auf dem Hamburger Glockenfriedhof Veddel war man unter rund 13.000 eingelagerten Glocken auf ein barockes Exemplar mit dem Kennzeichen „9-27-171“ gestoßen. Da diese Glocke nachweislich aus der ehemaligen Klosterkirche von Paradies stammte, suchte Polzin nun nach Vertretern der vertriebenen Gemeinde, um über deren Verbleib zu entscheiden.

Ursprünglich dachte er an Leo Gluschke, ein ihm bekanntes Kirchenvorstandsmitglied aus Paradies. Doch Gluschke und seine beiden Töchter waren bereits 1945 beim Einmarsch der sowjetischen Truppen in ihrem Haus ermordet worden. So fiel die Wahl schließlich auf dessen Stiefsohn, den jungen Pfarrer Walter Reiche, dem Polzin die Glocke anbot.

Die Zörbiger Kirchengemeinde zögerte jedoch zunächst. Neben den rechtlichen Unsicherheiten unter den besonderen Bedingungen der sowjetischen Besatzungszone fehlte es in Zörbig schlichtweg an Platz: Im kleinen Dachreiter der Kirche tat bereits die Glocke „Misericordia“ ihren Dienst. Ein zweites, weitaus schwereres Instrument war dort statisch und räumlich unmöglich unterzubringen.
Polzin überging die Zweifel, indem er Fakten schuf und die Glocke per Bahn zur Gießerei Schilling nach Apolda schicken ließ. Im August drängte er Reiche unmissverständlich zur Übernahme: „Wenn Sie sie nicht wollen – es warten viele darauf...“. Eventuelle rechtliche Sorgen zerstreute er pragmatisch. Die offizielle Verfügungsgewalt sollte zunächst Dr. Franz Hartz erhalten – der erste Prälat der Prälatur Schneidemühl, der auch als „Vater der Vertriebenen“ bekannt war. Im März 1951 übernahm Polzin diese Position schließlich selbst.

Im September 1951 traf die 850 kg schwere Glocke, mit einem Durchmesser von 1,20 Meter und Schlagton „e“, dann in Zörbig ein. Am Schlagrand unten war lesbar: „ME FECIT ERDMANN KALLIEFFE LESNA ANNO 1780“ (Erdmann Kallieffe hat mich gemacht 1780). In der Mitte prangt ein Monogramm. Während das ganz ähnliche IHS-Monogramm für Jesus Christus steht, ist es hier das Pendant für Maria. Es besteht aus den kunstvoll ineinander verschlungenen Buchstaben A und M, die in einem Sonnen- oder Strahlenkranz stehen.
Für dieses Symbol gibt es zwei gängige Deutungen:
Auspice Maria (Lateinisch für „Unter dem Schutz Marias“) sowie der bekannte Engelsgruß Ave Maria. Die Darstellung der Buchstaben innerhalb einer Sonne ist ein klassisches Element der christlichen Ikonografie und nimmt oft Bezug auf das „große Zeichen am Himmel“ aus der Offenbarung des Johannes, das als eine „mit der Sonne bekleidete Frau“ beschrieben wird.
Wie die Umschrift am oberen Glockenrand, unterhalb der Krone, weiter verriet, war es die „Maria“, die nach einer langen Reise hier angekommen war:
„VIRGO CONCEPI PEPERI QUOQUE VIRGO TONANTEM EX GENERE ESSE MEO NOMINE PRODO DEUM – ANNO 1780“
„Als Jungfrau habe ich empfangen und als Jungfrau auch den Allmächtigen geboren. Durch meinen Namen verkündige ich, dass Gott von meiner Art ist.“
Das Wortspiel mit dem Allmächtigen bzw. „Donnerer“ (TONANTEM) ist recht typisch für die Barockzeit: Es verbindet die theologische Rolle der Jungfrau Maria mit dem gewaltigen, weit hörbaren Klang (dem „Donnern“) der Kirchenglocke, die über das Land ruft.

Zur feierlichen Ankunft der Glocke verfasste der Zörbiger Organist und Rendant Benno Nietzsch ein siebenstrophiges Gedicht, das im Folgenden gekürzt wiedergegeben wird. Wer am vollständigen Wortlaut interessiert ist, findet diesen in einem früheren Beitrag von Pfarrer Walter Reiche unter dem Titel „Weihnachten 1992!“ im HEIMATGRUSS Heft Nr. 123.

Im Jahre 1780 schuf mich des Meisters Hand,
damit ich täglich rufe weithin ins Posner Land.
Von stolzer Turmeshöhe
erklang mein ehener Ton
zu Gottes Ruhm und Ehre,
das war mein schönster Lohn. ...
Geschmolzen sollt ich werden
und liefern Kanonengut,
zu töten in dem Kriege,
vergießen Menschenblut.
Ich musst mit vielen andern
still aus der Heimat gehn,
verklungen und vergessen,
sollt sie nie wieder sehn!
Durch Gottes weise Fügung
ich konnte bleiben ganz
und hier im Städtchen Zörbig
erstrahlen zu neuem Glanz.
Nach langen bangen Stunden
kam ich in diesen Ort
und habe so gefunden
durch Treue sichern Hort
Dann will ich wieder klingen
zu Gottes Ehr und Ruhm,
die Beter alle mahnen
zu wahrem Christentum!
Maria, Christi Mutter,
dir bin ich fromm geweiht,
dein Lob will ich verkünden
in alle Ewigkeit.


Nachdem die Glocke im Pfarrgarten abgestellt worden war, beriet die Gemeinde über das weitere Vorgehen. Der ursprüngliche Plan, sie in einem einfachen Stahlgerüst aufzuhängen, wurde bald verworfen.
Zwar lehnte die Kirchenleitung den Bau eines echten Glockenturms anfangs ab, doch 1952 erteilte der für das Erzbischöfliche Kommissariat Magdeburg zuständige Paderborner Weihbischof Dr. Friedrich Maria Rintelen schließlich die Genehmigung.
Dies geschah unter der Auflage, den Turmbau mit der dringend notwendigen Erweiterung der Kirche zu verbinden – die Gemeinde war nach 1945 durch den Zuzug von Geflüchteten auf rund 3.500 Mitglieder angewachsen und hatte sich damit verzehnfacht. Trotz schwieriger Materialbeschaffung wurde das Werk in nur wenigen Monaten vollendet. Am 11. Oktober 1953 konnte Bischof Rintelen die erweiterte Kirche feierlich weihen.


Der Turmbau zu Zörbig, 1953


Seit über 70 Jahren prägt die Marienglocke nun schon mit ihrem täglichen Läuten die Stadt Zörbig. Ihr alter Klangort Paradies und Jordan ist zwar Geschichte, doch die Straßennamen der Stadt halten die biblischen Bezüge lebendig: Neben „Ägypten“ und dem „Roten Meer“ finden wir in Zörbig erstaunlicherweise sogar das „Paradies“.

Das Paradies grenzt in Zörbig nicht an (den) Jordan, aber an das Rote Meer.


So bleibt der vertraute Klang weit mehr als nur ein tägliches Signal – er ist ein lebendiges, symbolisches Band der Erinnerung, das die sachsen-anhaltische Stadt Zörbig bis heute über Grenzen hinweg mit dem einstigen Zisterzienserkloster im polnischen Goscikowo-Paradyz verbindet.


Mit dem Geläut der Glocken: Fronleichnam 2026 in Zörbig.
Seit 79 Jahren führt die Prozession mitten durch die Stadt.



Literaturverzeichnis

Curaeus, Achatius: Beschreibung des Zisterzienserklosters Paradies in der Grenzmark vom Jahre 1564. Lateinisch hrsg. und ins Deutsche übers. von Albert Schönfelder, Schwiebus: C. Wagnersche Buchdruckerei, 1928.

Doetsch, Wilhelm: Kloster Paradies. Ein Kulturzentrum an der deutschen Ostgrenze, Meseritz (Grenzmark): Carl Haug, 1926.

Kohte, Julius: Die Kunstdenkmäler der Landkreise des Regierungsbezirks Posen, Berlin: Julius Springer, 1895.

Reiß, Konrad: Hl. Antonius schütze Hirt und Herde!. Die Geschichte der katholischen Gemeinde Zörbig. 2. Aufl. Leipzig: Repromedia, 2013.

Sachs, Hannelore / Badstübner, Ernst / Neumann, Helga: Christliche Ikonographie in Stichworten, 2. Auflage, Leipzig: Koehler & Amelang, 1980.

Warminski, Theodor: Urkundliche Geschichte des ehemaligen Cistercienser-Klosters zu Paradies. Meseritz: Commissions- Verlag von R. Wild, 1886.

Winter, Franz: Die Cistercienser des nordöstlichen Deutschlands. Ein Beitrag zur Kirchen- und Culturgeschichte des deutschen Mittelalters, 3 Teile, Gotha: Friedrich Andreas Perthes, 1868–1871

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