Die Gewinnung von Leinöl
Alfred Miebs, Rogsen

ie Leinsamen wurden ausschließlich zur Gewinnung von Leinöl benutzt, lediglich die Saat für das kommende Jahr wurde zurück behalten. In einer Ölmühle erfolgte das Auspressen. Die für uns nächstliegende Ölmühle war in Dürrlettel. An bestimmten Tagen im Monat wurde dort gearbeitet. Nach meiner Schulentlassung schickte mich meine Mutter dorthin.

Am besagten Tag, gleich nach dem Frühstück, schnallte ich das Säckchen mit 15 Pfund Leinkörnern auf den Gepäckträger meines Fahrrades, und mit einer Ölkanne am Lenker fuhr ich los. Als ich dort ankam, mußte ich feststellen, dass schon einige Leute vor mir da waren. Der Arbeitsraum war noch verschlossen. Der Besitzer verrichtete erst seine Stallarbeit. Nach einiger Zeit schloß er doch auf. Das Mahlen der Körner konnte beginnen.
Die Masse mußte nun in einem Trog, der mit Blech ausgeschlagen war, eine halbe Stunde geknetet werden. Oft erbarmte sich eine Frau und half einem 15-jährigen beim Kneten.

Nach dieser Arbeit mußte die Masse auf einem Herd unter ständigem Rühren erhitzt werden. Es mußte höllisch aufgepasst werden, dass nichts anbrannte. Dies hätte den Geschmack des Leinöls beeinträchtigt. Nun konnte mit der kleinen Hochdruckpresse das Öl ausgepresst werden. Der Leinenkuchen, ein ausgezeichnetes Futter für Jungtiere, mußte in einem ausgehöhlten Holzklotz zerstampft werden. Dies erfolgte noch im warmen Zustand. Die kalte Masse wäre hart wie Zement geworden.

Nach Begleichung der Unkosten konnte die Heimfahrt angetreten werden. Beim Fleischermeister Gummelt, der an diesem Tag eine sehr schmackhafte Grützwurst anbieten konnte, wurde noch eingekauft. Das Stück kostete 10 Pfennig.

Anfang des Krieges wurde die Ölmühle in Dürrlettel geschlossen. Der Besitzer mußte zur Wehrmacht. Durch Zufall erfuhren wir, dass in einem Ort im Warthegau eine Mühle in Betrieb war. Ich war nun ausersehen, dort hinzufahren.
Also wieder das Säckchen mit den Leinenkörnern auf dem Gepäckträger meines Fahrrades und die Kanne am Lenker, so fuhr ich über Tirschtiegel zu dem besagten Dorf. Den Namen weiß ich nicht mehr. Der Besitzer war ein Deutscher.
Dieser Betrieb war sehr rückständig. Die Mühle wurde von einem Göpel angetrieben. Es war ein Bild wie in alten Tagen. Ich bekam, als ich an der Reihe war, die Leine und die Peitsche in die Hand gedrückt und lief hinter der Göpelstange mit dem Pferd im Kreis herum, bis der Mahlvorgang beendet war. Die Presse mußte noch per Hand bedient werden.

Dies war meine letzte Fahrt zu einer Ölmühle. Aus beruflichen Gründen habe ich Rogsen bald darauf verlassen.