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Wie es damals war
Paul Kintzel – veröffentlicht im Heimatgruß Nr. 78, 1981
Brief von Paul Kintzel an seinen ehemaligen
Hauswirt Dr. jur. Johannes Ebel –
undatiert, wahrscheinlich um 1947.
Meine Frau schreibt das Persönliche und ich
werde Ihnen einen Bericht aus unserer Heimatstadt
geben. Am Sonntag haben wir noch Skat
geklopft und am Dienstag waren die Russen da.
Ich sagte allen, die im Hause waren, dass wir
zusammen in Ihre Wohnung zögen. Schechner,
Frau Handke, eine fünfköpfige Familie, die noch
im Hause war, dazu kam dann noch eine
Flüchtlingsfrau mit zwei kleinen Kindern, einige
Tage später Frau Nagel mit einem Enkel und Frau
Metzer. Alles lebte in den hinteren Räumen.
Am Tage erhielten wir nun dauernd Besuch.
Ich hatte mein Parteibuch der SPD und auf den
darin befindlichen Marken befanden sich Bilder
von Marx, Engels, Bebel, Liebknecht usw. Dieses
zeigte ich immer vor und es bewirkte Wunder, die
Soldaten machten kehrt und gingen weiter. Nachts
lagen wir in den ersten Wochen in den Kellern.
Nun fingen die Brände an; als es dem Kommandanten
zu viel wurde, wurden wir Männer zusammengerufen.
Auf Vorschlag von Rechenberg
wurde ich zum Feuerwehrkommandanten ernannt.
Szotowski wählten wir zum Bürgermeister.
Aber, kein Strom, kein Wasserwerk arbeitete.
Mit den kleinen Luftschutzspritzen und mit Gießen
musste gearbeitet werden.
Alle im Entstehen
begriffenen Feuer konnten gelöscht werden, die
Frauen mussten Wasser von den noch vorhandenen
Pumpen aus der Obra oder der Packlitz tragen.
Jedoch abends um 17 Uhr bis morgens um 7 Uhr durfte niemand auf die Straße, also war auch
das Löschen vorbei. Die Nächte waren blutrot, bis
es dem Kommandanten wieder zu viel wurde und
ich die Erlaubnis erhielt, auch in der Nacht zu löschen.
Der Kommandant suchte uns in den ersten
Tagen täglich auf, um festzustellen, ob wir
belästigt wurden. Ich kann berichten, dass er ein
guter Mensch war.
Nach 14 Tagen zogen wir ins westliche Viertel,
das heißt: Schlossstraße, rechte Seite Mühlenstraße,
Frankfurter Straße, Wilhelmstraße und die
Siedlungsbauten rechts davon. Wir hatten uns am
Schloss 1, mit 17 Personen Scheidings Wohnung
genommen, Möbel waren vorhanden.
Unsere Wohnungen wurden nun ausgeräumt
und die Möbel weggeschafft. Als zusätzliche Aufgabe
hatte ich mir vorgenommen, die 2044 Personen,
die noch da waren, mit den Lebensmitteln
zu versorgen, die in den Kellern noch vorhanden
waren. Das war sehr schwierig und öfter hatte ich
das Bajonett auf der Brust sitzen, doch wurde ich
schlau und machte mir eine rote Binde mit F.W.-
Kommandant darauf. Nun ging es besser.
Wir nahmen einen Handwagen, mein Schwiegervater
und der alte Bläsing spannten sich vor
und es ging in die besetzten Viertel. Kein anderer
durfte hinein, aber meine Binde wirkte Wunder.
Später nahm ich noch Frauen zu Hilfe, da die alten
Männer nicht mehr wollten. Damit diese sich
nicht so plagen sollten, erhielten wir einen kleinen
Schimmel. Wir holten alles zusammen in
Nasses Laden und von dort wurde es ausgegeben.
Leicht war es nicht, Helfer zu finden, da alle
Angst hatten und in den Häusern blieben. Jedoch,
nachdem die Bevölkerung jeden Morgen zur Arbeit
antreten musste, konnte ich mir meine Leute
zuerst aussuchen. Auf die Art hatte ich genügend
und bekam später ein Fuhrwerk mit zwei Pferden.
Es kamen auch Leute zurück, so dass wir bald
2600 waren. Denen brachte ich Möbel, wenn ich
noch etwas fand. Dann verteilte ich alle Gärten,
gab Land zum Anbauen und Saatkartoffeln dazu.
Von den Gärtnereien holte ich dort noch vorhandenen
Samen und Frau Bläsing musste ihn in
Tüten füllen, damit jeder etwas bekam. So hatte
ich alle Hände voll zu tun, war aber dabei so richtig
in meinem Element, allen zu helfen.
Trotz aller Bemühungen konnte ich die großen
Brände nicht löschen. An einem Tag brannten 15
Häuser zugleich, wenn ich gerade dazukam, konnte
ich jedoch helfen. Kirchstraße 16 stand unter
meiner besonderen Obhut. Auf jedem Gang, hin
oder zurück, immer war die 16 dabei. Dreimal hatte
man Feuer angelegt, doch ich kam immer zur
rechten Zeit. Alle Badewannen, Fässer, Kessel
usw. standen voll Wasser.
Wenn man vom Bahnhof kommt, so stehen in der
Obrawalder Straße nur Nuske, Exner, Breier und
das ältere rechts. Alles andere verbrannte. Desgleichen
in der Kerststraße, nur ein Haus vor dem
Krankenhaus steht. In der Flottwell-Siedlung ist
nur eines abgebrannt. Bahnhofstr. 24, Griebsches
und Büdels Haus, am Veilchengraben dem Lehrer
seins und Swinka, dann Reichert, (Paul)
Fritsch, Reichsbank, Frenzels, Müller u. Jänicke,
Überlandzentrale bis Lutherstr., Friseur Hirschmann
bis Fleischer Koschitzki, Bäcker Sachs bis
in die Rosenstr., Tischler Kurt, dort dem Eisenbahner
seins. Schlächter Bieske, von Giengner
rauf bis Schulstr., Maler Licht, gegenüber bis
Schuhmacher Schröter ersteres steht, dann Dr.
Kirscht, andere Seite Klempner Reichert, Mathias
und Ulbricht, ferner Meiers Drogerie bis Kaufmann
Seltmann.
Von dem ganzen Viereck gegenüber stehen nur
Dreberts und Menckes Haus. Schlossstr.
Jachmanns und von Heins bis Waschanstalt
Mühlstr. Gegenüber, wo wir wohnten, Gericht, Arbeitsamt,
Robitzeck, alle Kreishäuser gegenüber
Schöler und daneben Schafstall und Zöllner,
der Scheunen und links die Wirtschaft von
Bengsch. Auf der Winitze ein Haus gegenüber
dem Spital, Schlosssiedlung nichts angebrannt.
Hindenburgstr. 7, Johannisstraße 1 Haus,
Wichertsruh nichts abgebrannt.
Dann Ziegelei Gumpert (Obrastr.), Grabenstr.
steht nur das Haus von Millionen-Schulz, Brätzer
Str. Töpfer Zimmermann und Königs bis zu
Riemer, Schützenstr. Die alten Häuser gegenüber
Fischer, Villa Ruhleben, bis Gymnasium, Sparkasse
und Kreishaus, Muschall und das andere
große; die Loge ist wohl zuerst angesteckt worden.
Im Verhältnis ist Meseritz noch gut weggekommen.
Nachtragen muss ich dabei noch
Emmerichs Hof und gegenüber das ehemals
Zerbesche Haus, die Reichshäuser stehen.
Dageblieben waren Pietsch, Bäcker Wagner,
Sandau, Böder, Korbmacher Hein, Uhrmacher
Klose, Bäcker Wierzchula usw. Erschossen der
alte Nagel, Chauffeur Lukas, Schornsteinfeger
Jänicke, 30 Personen im Grenzmarkhaus,
darunter Fischer Hausmann, Bäcker Berndes und
sein Sohn. Was sonst noch passierte, kann ich dem Papier
nicht anvertrauen, hoffe aber, später alles
chronikmäßig berichten zu können.
Ende Juni mussten wir raus, höchstens 40 Pfund
Gepäck durften wir mitnehmen, leider wurde dies
noch auf der Chaussee vor Meyers Berg geplündert,
dann auch noch unterwegs. Mancher hatte
nur noch das, was er auf dem Leibe hatte und
das wurde teilweise auch noch abgenommen.
Zehn Wochen waren wir unterwegs, mussten
sehen, wo wir etwas zu essen fanden, bis wir am
1.9. hier in Mecklenburg bleiben durften. Arbeit in meinem Beruf fand ich nicht, teils habe ich in der
Landwirtschaft gearbeitet, auch als Waldarbeiter.
(Es folgen nun einige persönliche Angaben über
das Leben in der DDR – im Heimatgruß nicht abgedruckt,
muss auch „Ostzone“ heißen, W. K. –
und das Ergehen der Kinder mit der Hoffnung
„auch einmal den Treck zurück machen zu können.“)

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