Gescheiterte Flucht – zurück in Meseritz – Vertreibung
Hans Dittmann – veröffentlicht im Heimatgruß. Nr. 194, 2010


Auszüge aus einem Brief von Dr. Hans Dittmann an Herrn P. (wahrscheinlich der Molkereiverwalter Prill) vom 13. Januar 1946.

Wir blieben damals in Schermeisel, wo wir uns ja noch gesprochen hatten, über Nacht und fuhren am nächsten Morgen weiter. In Drossen wurde uns bei der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) mitgeteilt, dass die Straße Zerbow, Kohlow usw. gesperrt sei, wir müssten einen anderen Weg fahren, um bei Göritz über die Oder zu kommen. Wir fuhren also diese Richtung und kamen an dem Tag noch bis Grunow, etwa 15 Kilometer vor der Oder, wo wir übernachteten.
Am folgenden Tag erschien der Bürgermeister und erklärte uns, dass wir nicht weiterfahren dürften, da die Straße für deutsche Panzer, die einen Gegenstoß machen, gesperrt sei. Am Nachmittag rollten auch von Westen her Panzer an – es waren leider nicht deutsche, sondern russische.
Damit war unser Schicksal besiegelt und es begann eine endlose Kette von Leiden, die ich Ihnen im Einzelnen beim besten Willen nicht schildern kann. Den elenden Nazi-Parteilumpen haben wir alles zu verdanken. Hätte man 24 Stunden früher die Evakuierung erlaubt, dann wäre uns viel erspart geblieben.
Wagen und Pferde wurden sofort weggenommen. Wir mussten mit der Familie des Bauern, bei dem wir wohnten, zusammen im Keller hausen. Nach einigen Tagen wurde Grunow geräumt und wir kamen, unsere verbliebenen Sachen auf zwei Schubkarren verstaut, nach Heinersdorf zwischen Drossen und Zielenzig, wo wir mit 65 Personen in einem Zimmer des Gutshauses untergebracht waren.

Fräulein Baumgart, Inga und Jutta wurden von dort auf einen Flugplatz bei Landsberg/Warthe zur Arbeit geholt. Frau Schäfer wurde krank und um ein Haar hätten wir dort unsere Tochter Bärbel an Ruhr erkrankt verloren. Nach 10 Tagen kamen die Mädels mit riesigen Blasen an den Füßen und total kaputt zurück.
Dann mussten wir aus Heinersdorf hinaus und zogen nun mit unseren Karren bei Schnee und Regen unter größten Misshelligkeiten mit Übernachtung in Zielenzig, Grochow und Pieske nach Meseritz, wo wir am 5. März ankamen.

Zurück in Meseritz
In der Stadt lebten noch ca. 2000 Deutsche. Sie waren zum Teil dageblieben oder nur bis Tempel, Schermeisel oder Zielenzig geflüchtet, weil sie sich hinter der Bunkerlinie des Ostwalls sicher glaubten.
Militärisch muss der Ostwall ein furchtbares Desaster gewesen sein. Unbeschreiblich, wie es auf den Straßen aussah – alles voller Trümmer und Leichen. Viele ältere Menschen werden in ihrem ganzen Leben nicht so viele Tote gesehen haben, wie meine kleine Tochter Bärbel mit ihren 6 Jahren. Bei Kohlow zwischen Drossen und Reppen sind im Kampfgeschehen besonders viele deutsche Flüchtlinge umgekommen. Ihr endloser Treck wurde von russischen Panzern zusammengeschossen. In Meseritz berichtete mir ein Überlebender von diesem Massaker.

In Meseritz amtierte nun Herr Szotowski als sogenannter Bürgermeister und wir erhielten 2 Stuben und Küche in der Naß’schen Wohnung bei Bretthauer am Schloss. Inga musste dann auf das Gut Obrawalde zur Arbeit bei den Russen, Jutta arbeitete bei einem polnischen Fleischer auf dem Markt und wurde am 6. April verhaftet. Nach 3 Tagen Aufenthalt im Gefängnis wurde sie fortgeschafft, niemand wusste wohin und weshalb. Nach langer Reise durch Gefängnisse und Keller landete sie am 26. April im Straflager Schwiebus, wo sie zu ihrem Glück Anfang Juni Scharlach bekam.
Zwei Tage nach ihrer Einlieferung ins Hospital kamen die übrigen Lagerinsassen nach Posen und von dort aus zum größten Teil ins über 1000 km entfernte Odessa.
Am 1. Juni durften wir in unsere Wohnung übersiedeln und am 17. Juni, meinem Geburtstag, kam Jutta, zum Skelett abgemagert und fast ohne Haare zu Fuß in Meseritz an. Auch über das, was sie durchmachen musste, will ich schweigen.

Leben bis zur Vertreibung in Meseritz
Seit Anfang April hatten wir in Meseritz eine polnische Zivilverwaltung (Starost und Burmistrz = Landrat und Bürgermeister, W. K.). Die bewaffnete polnische Macht bestand aus jungen Milizsoldaten.
Dazu gehörte auch Paul Appelbaum, der sich uns gegenüber sehr anständig benahm, mich wiederholt besuchte, Schnaps mitbrachte und selbst fürchterlich soff. Auf Sie, Herr P., hatte er eine furchtbare Wut – auch andere Polen. Seien Sie froh, dass Sie noch über die Oder kamen. Einmal wurde ich offenbar mit Ihnen verwechselt und sollte gelyncht werden. Frau Wachowiak hat den Irrtum aufklären können.
Anfang März fanden wir in unserm Haus noch einige Möbelstücke vor. Ende Mai war außer einigen zertrümmerten Resten im Garten nichts mehr da. Wie es im Hause aussah, ist nicht zu beschreiben – bei Ihnen drüben übrigens nicht anders, überhaupt in jedem Haus, ob Arbeiterwohnung oder Villa.
Von Mai an wohnte in Ihrem Haus ein russisches Demontierungskommando, dass die Molkerei ausschlachtete. In wochenlanger Arbeit wurde alles bis auf das letzte Stückchen Rohrleitung ausgebaut. Um den Kessel herauszubekommen, wurde eine Wand des Kesselhauses eingeschlagen. Bis Ende Mai war es uns strengstens verboten, unsere Häuser zu betreten.
Als Inga am Lattentorweg für die Russen wusch, trieb sie doch die Neugierde. Sie ging bei Jüngling über die Brücke und wurde bei dem Versuch, einen Blick in unser Haus zu werfen, von einem russischen Posten geschnappt und war 2 Tage verschwunden.
Am 3. Tag kam sie mit 2 Posten, um sich ihre Sachen zu holen. Am nächsten Tag (es war der Geburtstag meiner Frau, der 25. März) sollte sie nach Rußland geschafft werden. Gottlob kam es nicht dazu. Sie blieb noch 2 Tage in der Flottwellsiedlung eingesperrt und kam dann nach Hause. So löste eine Aufregung die andere ab – doch war das Leben in Meseritz, gemessen an dem, was wir vom 30. Januar bis zum 5. März 1945 durchmachen mussten, relativ friedlich.
Inzwischen hatten wir die Äcker zur Saat klargemacht. Da wir keine Pferde hatten, spannten sich 6 Frauen vor den Pflug und vor die schwere Egge. Kartoffeln legten wir mit der Hand in den Boden – so haben wir gewirtschaftet. Erst im Juni bekam ich von den Polen zwei Pferde, zwei erbärmliche Kracken.

Vertreibung aus der Heimat Am 26. Juni 1945 mussten wir binnen 2 Stunden Meseritz verlassen. Es begann ein entsetzlicher Leidensweg, den viele, viele nicht überstanden haben. Unsere paar Sachen haben wir auf einen Handwagen geladen, ich selbst musste mit einem Pferd und Kastenwagen alte Leute und Kranke befördern. Bis Ende Juni waren noch weitere 1000 Einwohner nach Meseritz zurückgekommen, so dass wir bei unserer Vertreibung ein endloser Zug des Elends waren. Hinter dem Stadtgut Milbradt (er soll auch umgekommen sein) wurden wir das erste Mal von Polen geplündert. Von jedem Handwagen oder Karren wurde wahllos das zuoberst liegende Gepäck heruntergenommen und in den Graben geworfen, von wo es dann mit LKW und anderen Fahrzeugen weggefahren wurde.
Appelbaum wollte uns vor der Plünderung schützen, wagte aber gegen das kongreßpolnische Militär nichts zu unternehmen.
Ernährungsmäßig war es in Meseritz auszuhalten. Einer half dem anderen und obwohl wir pro Person nur 300g Brot bekamen, sonst nichts, haben wir, weil wir genug Kartoffeln hatten, fast nie gehungert. Während der Vertreibung sah das nun ganz anders aus. Wir wurden nicht versorgt, mussten von den Feldern Früchte stehlen. Und bekamen den Hunger sehr zu spüren. Nach entsetzlichen Mühsalen und Drangsalierungen kamen wir bei Göritz an die Oder. Dort nahmen uns die polnischen Vertreibungswachen noch das letzte ab, auch Pferd und Wagen.
Danach gingen wir bei strömendem Regen ohne ein Dach auf dem Kopf über die Oder weiter. Zwei Tage und Nächte warteten wir in Gorgast westlich von Küstrin darauf, dass uns ein Zug in Richtung Berlin mitnehmen möchte, vergeblich. Dann zogen wir weiter bis Werbig, wo wir endlich auf einer offenen Lore eines Güterzuges Platz fanden und so am 6. Juli in Berlin-Pankow landeten.

Wir haben glücklicherweise alles überstanden und man vergisst ja gottlob vieles Schwere der Zeit. Unser Leben hing oft an einem seidenen Faden. So wurde ich in Grunow zum Tode verurteil, weil ich angeblich Gold und Schmuck vergraben haben sollte. Der Unteroffizier, der mich erschießen sollte, hatte aber mehr Freude daran, mich furchtbar zu schlagen und dann laufen zu lassen. Fast jede Nacht wurde ich aus dem Keller geholt und woanders eingesperrt. Meine Kinder und Bauma hatten viel Angst um mich.

Nun zu Ihren anderen Fragen:
Herr Armbrust ist verschollen. In der Nacht unserer Abreise waren meine Kinder noch einmal schnell im Bahnhofshotel, dort saß Herr Armbrust betrunken an einem Tisch. Am nächsten Morgen soll er mit einem Köfferchen auf einem Handschlitten in Richtung Pieske gesehen worden sein. Seitdem hat niemand mehr von ihm gehört.
Herr Pohl wurde, wie alle arbeitsfähigen Männer, von den Russen abgeholt – wohin? Seine Frau sprach ich in Meseritz noch oft.
Major Fuß (Altenhof) wurde mit seiner Frau vor seinem Haus erschossen.
Frau v. Gersdorff (Bauchwitz) nahm sich zusammen mit Frau v. Funck das Leben.
Der Förster von Georgsdorf und der Pferdetaxator Otto Zillmann (Neukainscht) wurden erschossen.
Forstmeister Claasen (Brätz) nahm sich beim Einmarsch der Russen das Leben.
Fünf Personen der Familie Stallmann (Tempel) wurden erschossen, weil sich der Vater schützend vor seine 19-jährige Tochter stellte.
Frau Bretthauer, in deren Haus wir wohnten, wurde erschossen, weil man in ihrem Haus SS-Uniformstücke ihrer Söhne fand.
Wilhelm Schreiber war so leichtsinnig, eine Pistole mit auf die Flucht zu nehmen. Er wurde bei Langes Vorwerk gestellt, untersucht und erschossen.
Ebenso erging es dem Bürgermeister von Pieske.
Schornsteinfegermeister Jaenicke wurde in seiner Villa erschossen.
Der alte Nagel (Holzwollefabrik) wurde bei den Kasernen erschossen.
Oberschwester Lydia und 5 weitere Schwestern wurden im Keller des Auguste-Viktoria-Krankenhauses erschossen.
Tierarzt Dr. Schmoldt wurde in seiner Wohnung in der Kerststraße erschossen.
Herr Scherl-Seeren, der Freund von Bredemanns, wurde ebenfalls erschossen.
W. Menze (Kreisleiter) soll in der Nähe von Drossen „gefallen“ sein – wo die Kugel herkam, weiß man nicht.
Herr Fröschner fiel in Gleißen.
Familie Matthias hat sich auf dem Friedhof des Ortes, wohin sie evakuiert wurden, das Leben genommen.
Heinz Matthias soll als Volkssturmmann gefallen sein.

Es ist eine lange Liste. Leider habe ich die Namen von vielen Meseritzern, die ich nicht näher kannte, schon vergessen.
Was mit den Männern geschieht, die über Schwiebus, Posen nach Russland gekommen sind, weiß ich nicht. Es wurden in Meseritz verschiedene male Transporte zusammengestellt, die zunächst nach Landsberg gingen.
Am 13. März 1945 war ich auch dabei. Als ich dem Dolmetscher klarmachen wollte, dass ich mit meiner Beinprothese gar nicht bis Landsberg marschieren könne, sagte er, das wäre gleichgültig, ich müsse mit. Da jeder, der unterwegs zurückblieb, weil er nicht weiterkonnte, erschossen wurde, trat ich aus der Reihe der angetretenen Männer heraus und ging zu dem vor dem Rathaus stehenden Offizier. Ich bat ihn, er möge mich hier gleich an Ort und Stelle erschießen, das sei mir lieber als erst nach 3 oder 4 km. Er befühlte meine Prothese und schickte mich nach Hause.