Ich wurde vor 55 Jahren aus meiner Heimat vertrieben
Günther Gutsche – veröffentlicht im Heimatgruß. Nr. 157, Juni 2001


In den letzten Januartagen des Jahres 1945 befanden wir 14- bis 16-jährigen Jungen uns zur militärischen Ausbildung zu Volkssturmmännern in Schierzighauland. Wir sollten die Heimat vor den Russen verteidigen. Am Abend des 29. Januar 1945 standen wir Wache, als eine Gruppe von Soldaten der Wehrmacht zu uns kam. Von ihnen erfuhren wir, dass in einer Stunde die Russen hier wären.

Es wurden sofort die Sachen gepackt und wir gingen nach Meseritz, wo wir gegen 4.00 Uhr ankamen. Unterwegs sahen wir schon Brände in den Hauländereien.
In Meseritz waren alle Jungen aus den umliegenden Dörfern zusammengezogen worden, um im Volkssturm eingesetzt zu werden. Um 10.00 Uhr war Appell, wo uns unsere Aufgabe „Die Verteidigung der Heimat“ durch Martin Fröschner (HJ-Führer) erklärt wurde. Danach suchten einige von uns noch einmal die Angehörigen auf, um zu sehen, inwieweit sie schon evakuiert waren, denn die Evakuierung für unsere Stadt und den Kreis kam viel zu spät. Die Russen lagen inzwischen schon in Solben.

Als wir zu unserer Einheit zurückkamen, war diese bereits abgerückt. Sie hatte den Weg über Georgsdorf genommen und nicht wie geplant die Frankfurter Straße, wo wir uns treffen sollten. Hier stellten wir fest, dass Spähtrupps der Russen strategisch wichtige Schwerpunkte der Stadt – u. a. die Brücken über die Obra und Packlitz – bereits besetzt hatten. Kurz danach haben sie Meseritz gestürmt. Es war so gegen 14.30 Uhr. Kaum waren wir wieder zu Hause angekommen, hatten sie die Kasernen und Siedlungen besetzt. Wir versteckten uns im Keller.

Die Russen kamen und holten uns aus dem Keller zum Verhör und fragten uns: „Wo sind Soldaten?“ Mutter musste für die Offiziere in unserem Haus Essen machen: Bratkartoffeln mit Eiern und Speck, wovon wir auch etwas abbekamen. Sie waren der Kinder wegen uns gegenüber freundlich. Plötzlich begann eine wilde Schießerei und wir mussten wieder in den Keller. Eine größere Einheit der SS aus Müllrose wollte Meseritz zurückerobern. Sie kamen bis in die Nähe der Kasernen, wurden aber wieder zurückgeschlagen.
Dann wurden durch die Russen Stalinorgeln eingesetzt in Richtung Kainscht, Jordan und Paradies. Kalau und Nipter waren schon am 29.01.1945 gefallen. Nach Aussage von dortigen Einwohnern wurde Hochwalde erst einen Tag später besetzt. Pieske und Kurzig fielen am 01.02.1945.

Die Nachhut, die folgte, war der „Höhepunkt“, denn Stalin und Ilja Ehrenburg hatten den Befehl ausgegeben, dass die Russen, wenn sie die deutschen Grenzen überschreiten – in den ersten 24 Stunden – machen können, was sie wollen. Das bekamen die Mädchen und Frauen zu spüren. Sie wurden vergewaltigt und einige danach gleich erschossen oder nahmen sich selbst das Leben.
Plünderungen waren an der Tagesordnung. Man kann nicht alles, was die Menschen erleben mussten, wiedergeben. Es war grausam.
Ein Beispiel: Die beiden Mädchen der Familie Gondezki, Margarete und Gertrud, waren bei uns, am 31. Januar wollten sie zu ihren Eltern zurück, nur zwei Häuser von uns entfernt. Als sie zu Hause ankamen, fanden sie ihre Eltern im Flur erschossen durch die Russen. Sie wurden später im Garten beigesetzt, wo sie auch heute noch liegen. Das war ein schwerer Schlag für die Kinder. In der Stadt und in der näheren Umgebung Richtung Pieske wurden über 50 tote Zivilisten und 40 gefallene Soldaten gezählt. Diese wurden an Ort und Stelle beigesetzt.

Laut polnischer Auskunft haben die Polen Meseritz am 10. Februar 1945 übernommen. Wir mussten alle lebenden Tiere eintreiben, welche später im Schützenhaus, größeren Gehöften und Gütern untergebracht wurden. Nur ein kleiner Teil blieb für die Polen und die Deutschen. Der Rest wurde in die Sowjetunion abtransportiert. Mädchen und Frauen wurden gezwungen, in den Häusern die verwüsteten Wohnungen wieder in Ordnung zu bringen. Einige Tage mussten wir den Beutekunst-Soldaten der Russen helfen, alles Wertvolle aus den Häusern zum Bahnhof zu tragen und in Waggons zu verladen. Insgesamt gingen etwa 30 Waggons aus Stadt und Land nach Russland.

Die Feuersbrunst nach einigen Tagen (1. oder 2. Februar) muss erwähnt werden. Die Ostseite des Marktplatzes sowie die Seite von Foto-Meyer brannten lichterloh und restlos nieder. Außerdem brannten noch einige andere Gebäude in der Stadt ab. Der Dachstuhl der Kaserne wurde mutwillig abgefackelt. Mit Wassereimern bewaffnet musste die Bevölkerung mit Wasser aus der Packlitz löschen. Unsere beiden Friedhöfe wurden verwüstet, ja geschändet. Heute sind sie als Park hergerichtet. Dort steht auch der gemeinsame Gedenkstein.

Vergewaltigungen, Plünderungen und Erschießungen gingen weiter: So wurde Herr Pade am 17. April 1945 von den Russen erschossen. Mitte Februar kann es gewesen sein, da wurden alle männlichen Personen von 14 bis 70 Jahren von dem NKWD und der GPU abgeholt, also verhaftet.
Wir wurden im Keller bei Pfarrer Dirksen eingesperrt und laufend verhört. Nach mehreren Tagen konnte uns nicht nachgewiesen werden, dass wir in der Nazipartei oder beim Werwolf organisiert waren. Trotz Schläge bekamen sie aus uns nichts heraus. Ein Ausweis der KPD meines Vaters und die Forderung der Polen, welche Arbeitskräfte brauchten, brachte unsere Freilassung.
Wir mussten unterschreiben, nie mehr im Leben eine Schusswaffe in die Hand zu nehmen. Meine Mutter war in der „Roten Hilfe“ gewesen und hat vielen Menschen durch die Zusammenarbeit mit der Kommandantur helfen können.
Einen guten Kumpel aus der Familie Zeh wollen wir nicht vergessen: unseren Herrmann Zeh, genannt „Männe“. Er hat besonders für Kinder und alte Menschen Lebensmittel besorgt. Er sagte immer: „Was sie uns weggenommen haben, holen wir uns wieder.“

Anfang März 1945 mussten wir nach Kainscht zur Feldarbeit. Dort legten wir Kartoffeln, Mais, Sonnenrosen und Hafer wurden ausgesät. Zum Wochenende konnten wir nach Hause und Sonntagabend mussten wir wieder da sein. Pfingstsonnabend sagte ich zu meinen Kameraden: „Wenn ich jetzt nach Hause komme, müsste mein Vater da sein.“ Und so geschah es auch.
Die Freude war groß. Nun waren wir alle wieder beisammen. Er musste sich beim Kommandanten melden und dort arbeiten. Gleichzeitig erfuhr er dort, dass wir demnächst unsere Heimat verlassen müssten. Er bekam das Angebot, sie würden uns auch mit dem Auto und allen Sachen und Möbeln nach Berlin oder Senftenberg bringen. Aber Vater sagte, dass seine Familie mit allen Bewohnern der Stadt die Heimat verlassen wird.
So kam der 26. Juni 1945, wo wir um 10 Uhr Abschied von unserer Heimat nahmen. Was auf der Frankfurter Chaussee los war, kann sich nur derjenige vorstellen, der mit dabei war. Tränen über Tränen, das Weinen und Schreien hörte nicht auf.
Die erste Plünderung wurde bei Meyers Berg durchgeführt und die Hälfte (40 kg pro Person) wurde uns abgenommen. Es ging über Pieske, Kurzig, Schermeisel, Zielenzig, Kohlow, Kunersdorf bis kurz vor Frankfurt/Oder. Wir durften nicht über die Oder und mussten in Richtung Reitwein. Dort wurde den Menschen das Letzte, was sie noch besaßen, weggenommen. Auch unterwegs haben viele ihre wenige Habe verloren. Außerdem plünderten zurückkehrende Ausländer aus dem Osten die vertriebenen Menschen aus.
Täglich schafften die ca. 2000 Vertriebenen aus Meseritz und der Umgebung 15 bis 20 km zu Fuß. Zu essen gab es nur, was jeder mitnehmen konnte, meist waren es Pellkartoffeln. Von Reitwein aus gingen die Meseritzer ihre eigenen Wege, um eine neue Heimat zu finden.

Wir werden diese Zeit von Dienstag, dem 30.01.1945, bis zur Vertreibung, auch ein Dienstag, den 26.06.1945, nicht vergessen. Vergessen dürfen wir auch nicht den Tag, an dem die Hitler- Jugend in Gleissen, 30.01./31.01. 1945, ihr junges Leben lassen musste.
Kaum dass wir Meseritz verlassen hatten, waren auch schon die Polen da. Sie wurden ebenfalls aus Ostpolen von den Russen vertrieben und haben das gleiche Schicksal erleiden müssen wie wir.