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Das Kriegsende in Meseritz
Gertrud Gondezki – veröffentlicht im Heimatgruß. Nr. 181/Juni 2007
Vor dem Krieg hatten wir eine sorglose Kindheit.
Wir wohnten in einem schönen Häuschen nahe
den im Ort gelegenen Kasernen. In unserer Straße
gab es viele Kinder, und wir waren eine große
Gemeinschaft. Oft waren wir in Kapplers Wäldchen
und pflückten auf den nahen Wiesen Himmelschlüssel
und Margeriten, um sie den Soldaten
zu schenken.
Ab 1945 aber begann die schrecklichste Zeit
unseres Lebens. Anfang Januar kamen aus dem
Osten Flüchtlingstrecks nach Meseritz und wir
konnten uns nicht vorstellen, was uns erwartete.
Am 30. Januar 1945, es war eine sehr kalte
Nacht, klopfte es an unsere Fensterläden. Es
waren unsere Nachbarn, die riefen: „Alle raus! Die
Russen kommen!“ Wir hatten Tage vorher schon
Säcke mit Sachen vollgestopft auf den Schlitten
gepackt. So waren wir ein wenig auf eine Flucht
vorbereitet.
Als wir dann in der klirrenden Kälte bei -18 Grad
im hohen Schnee auf der Straße standen, kamen
deutsche Soldaten und riefen uns zu, daß es zur
Flucht zu spät sei, kein Zug fahre mehr und der
Russe stehe vor der Stadt. Nun hörten wir deutlich
den Geschützdonner der nahen Front.
Einige Stunden später brannte unsere schöne
Stadt Meseritz und die Panzer rollten auf uns zu.
Wir versteckten uns in den Kellern. Vor unseren
Häusern wurden Geschütze aufgestellt, welche
zur Bunkerlinie (Ostwall) feuerten. Es war ein
Kugelhagel, und der erste Sturm der Russen war
in derselben Nacht schnell in Richtung Frankfurt/
Oder weitergezogen.
Das Schlimmste kam am nächsten Tag, dem
31. Januar 1945. Die zweite Welle der Russen eroberte
Meseritz, und das große Leiden begann.
Am 31. Januar, meinem Geburtstag, wurde ich
13 Jahre alt. Am frühen Morgen dieses Tages
herrschte eine unheimliche Stille, bis eine wilde
Schießerei, Panzerrollen und Geschrei begann.
Meine Eltern, meine Schwester, damals 18 Jahre
alt, und ich waren in unserem Haus, um noch einige
Sachen einzupacken.
Meine Eltern schickten uns rasch zu Familie
Gutsche, unsere Nachbarn, und ließen sagen, daß
sie gleich nachkämen. Frau Gutsche, verstorben
im Januar 1988 in Groß-Räschen, hatte 8 Kinder.
In unserer Straße waren nur noch wir und die Familie
Gutsche. Plötzlich kamen Panzer T-34 und
hielten ihre Kanonen auf unsere Häuser. Wir, meine Schwester und ich, warteten auf unsere
Eltern, aber es vergingen Stunden und niemand
kam.
Meine Schwester nahm mich an der Hand und
wir liefen im Kugelhagel über die Straße zu unserem
Haus. Die Haustür stand weit offen und meine
Schwester schrie laut auf und riß mich zurück.
Wir liefen wieder zu den Nachbarn. Ich wußte im
Moment gar nicht, was los ist. Bei Gutsches angekommen,
sagte meine Schwester, daß unsere
Eltern erschossen im Haus liegen. Mein Vater im
Korridor mit Kopfschuß und meine Mutter auf der
Treppe zum Obergeschoß, blutüberströmt. Dieser
Tag, mein 13. Geburtstag, verfolgt mich das
ganze Leben lang. Es war schrecklich.
Von der Familie Gutsche wurden wir sehr
freundlich getröstet und aufgenommen. Die folgenden
Tage waren sehr kalt. Es gab kein Wasser,
kein Strom und der Hunger plagte uns. Wir
Kinder schliefen alle in einem Raum auf der Erde
und die Russen schossen über unsere Köpfe
durch die Fenster.
Heizen konnten wir nicht und so wärmten wir
Kinder uns gegenseitig. Frau Gutsche und meine
Schwester waren die einzigen Erwachsenen im
Haus. Wir Kinder mußten Schnee in Töpfen holen,
um etwas Trinkbares zu haben. Wenn wir
Schnee holten, stolperten wir über tote und verwundete
deutsche Soldaten. Viele schrien verzweifelt.
Die Russen trieben uns mit ihren Gewehrkolben
wieder ins Haus zurück.
Der Hunger trieb uns trotz der Angst in die von
den Russen zerstörten und verdreckten Geschäfte,
um dort nach etwas Eßbarem zu suchen.
Meistens ohne Erfolg, da vieles ungenießbar war.
Gott sei Dank fanden wir in der Molkerei noch einige
Kisten Camembert-Käse. Damit war der Hunger
erst einmal gestillt. Seitdem steht der Camembert-
Käse öfter auf meinem Speiseplan.
Im Februar wurde bei uns im Garten ein Feuer
gemacht, die Erde aufgetaut und meine Eltern in
Decken gehüllt unter dem Kirschbaum begraben.
Ich selbst durfte nicht dabei sein. Es waren Frau
Gutsche, ihr Sohn Günter und meine Schwester,
welche das Grab ausgehoben hatten.
Im Juni 1945 mußten wir dann innerhalb von
10 Minuten unsere Heimat verlassen. Elternlos
und ausgehungert, die Schuhe durchgelaufen ging
es weiter bis zur Oder. Begleitet und getrieben
wurden wir von polnischer Bewachung. Als wir
hinter der Oder waren, zog uns der Treck mit bis
durch das zerstörte Berlin in Richtung Ludwigslust.
Dort wollte man uns aber nicht haben, und man
schickte uns wieder zurück nach Lübbenau.
Unterwegs mußten wir ständig um etwas
Eßbares betteln. Ich weinte und schämte mich so
sehr und wäre lieber verhungert, aber meine
Schwester bettelte dann für mich mit. In Lübbenau
wurde mir und meiner Schwester eine Unterkunft
bei einem Bauern zugewiesen. Dabei wurden wir
als Zigeuner und Lumpenpack beschimpft. Diese
Demütigungen werde ich so lange ich lebe nie
vergessen.
Ein großes Dankeschön geht an Familie
Gutsche, die uns liebevoll aufgenommen hat. Im
Januar 1945 war Frau Gutsche hochschwanger
und wurde mehrmals von den Russen vergewaltigt.
Am 17. März wurde ihr kleiner Sohn Gustav
Gregor sehr krank geboren. Der kleine Sohn starb
auf der Flucht. Das tote Kind wurde 5 Tage lang,
auf den Handwagen gebettet, mitgenommen und
dann kurz vor Frankfurt/Oder irgendwo begraben.
Leider verbieten mir die heutigen Besitzer unseres
Elternhauses das Betreten des Grundstücks.
Ich würde gern einmal einen Blumenstrauß zur
Ruhestatt meiner Eltern bringen, aber die jetzigen
Bewohner verweigern jeden Kontakt mit uns.
Dies sind meine Erinnerungen.
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