Grollmisch – eine Fischerfamilie
aus Birnbaum

Zum Gedenken an Paul und Edith Grollmisch

von Maciej Kramer, Miedzychod/Birnbaum
(Text u. Fotos – alle Rechte liegen beim Autor)



Grollmisch – eine Fischerfamilie <br>
					aus Birnbaum
Hauptbahnhof in Birnbaum (um 1919) Foto: Sammlung Csallner


Birnbaum im 19. Jahrhundert
Seit den Anfängen der Geschichte hat Birnbaum (Miedzychód) als Grenzstadt Menschen mit unternehmerischen und kommerziellen Fähigkeiten angezogen, unabhängig von dem kulturellen Kreis, den sie repräsentierten. Nicht nur der grenznahe Charakter der Stadt, sondern auch die natürlichen Reichtümer in Form von Holz und Braunkohle sowie die außergewöhnlich interessante Lage inmitten der Seenlandschaft, die heute als Miedzychód-Sieraków-Seengebiet bekannt ist, führten dazu, dass sich die städtische Struktur dynamisch entwickelte und günstige Wachstumsperspektiven für Handwerk, Handel und Industrie bot.
Vor 1880 gab es in der Umgebung der Stadt 2 Braunkohlebergwerke, in Bielsko und bei Nowy Zatom (Neu Zattum - Jenatowo), die 32 Menschen beschäftigten, zudem 5 Brennereien und Ziegeleien. In der Stadt selbst gab es 2 Wollspinnereien, 3 Tabakfabriken, eine Maschinenfabrik, eine Brauerei, eine Dampfmühle; in der Nähe befanden sich einige Ziegeleien und Brennereien.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde eine Eisengießerei errichtet. Im Jahr 1899 gründete man eine Aktiengesellschaft, um eine Gasanstalt zu betreiben; sie versorgte die Stadt, Lipowiec (Lindenstadt) und Wielowies (Grossdorf) bis zum Bahnhof mit Leucht- und Heizgas („Monografia Miêdzychodu“ Jerzy Zysnarski, lipiec 2005).

Der Ausbau des Eisenbahnnetzes und die Möglichkeit, Birnbaum auf dem Wasserweg über die Warthe zu erreichen, eröffneten der Stadt zusätzlich neue Absatzmärkte in Europa und der ganzen Welt. Ebenso wichtige Säulen der Stadtentwicklung waren die Landwirtschaft und Fischerei sowie die damit verbundene Verarbeitung und Vertrieb landwirtschaftlicher Produkte.
Einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Gemeinde Birnbaum hatte die Tuchindustrie, die mehr als 100 Jahre lang die Wirtschaft der Stadt dominierte. An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert gab es hier unter anderem 115 Weber, Scherer und Tuchfertiger [Tuchweber, - scherer und -bereiter], 71 Wollspinner (darunter 9 Juden), 8 Leineweber, 1 Leinwanddrucker und 3 Färber und Walkmüller. Die Tuchmacher machten 70% aller Handwerker aus und stellten jährlich Tuche im Wert von über 50.000 Talern her.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es 118 Tuchmacher, und im Jahr 1816 waren noch 102 Tuchwerkstätten und 70 Spinnereien in Betrieb. In den folgenden Jahren führten konjunkturelle Schwächeperioden zum Zusammenbruch der Absatzmärkte – hauptsächlich im russischen Teilungsgebiet – und zum Niedergang dieses Handwerkszweiges („Monografia Miêdzychodu“ Jerzy Zysnarski, lipiec 2005).


Der erste Grollmisch in Birnbaum
Die schnelle Entwicklung der Tuchmacherei zog Fachleute aus verschiedenen Teilen Europas nach Birnbaum (Miedzychód). In diesem Kontext begegnen wir einem der ersten namentlich bekannten Vertreter der Familie Grollmisch - Johann Grollmisch, einem ausgebildeten Weber, Leinweber und Kaufmann, der laut Heiratsurkunde in Birnbaum lebte.
Johann heiratete um das Jahr 1851 herum Karolina Venselow, die ebenfalls aus Birnbaum kam. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor. Der erste Sohn, Robert Eduard Grollmisch, wurde am 18. Februar 1852 in Mrocza (heute in der Woiwodschaft Kujawien-Pommern gelegen) geboren, wo der Vater wahrscheinlich geschäftlich als Kaufmann unterwegs war. Der zweite Sohn, Rudolf, wurde 1855 in Birnbaum geboren, und das jüngste Kind war eine Tochter, Ida Hulda, die 1862 zur Welt kam.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war ein signifikanter Rückgang der Nachfrage nach Textilprodukten auf den östlichen Märkten zu beobachten, was bei den westeuropäischen Händlern zu erheblichen Verlusten ihrer Marktanteile führte.
Diese Situation hatte auch Auswirkungen auf die Tuchindustrie in der Region von Birnbaum, wo erste Anzeichen einer tiefen rezessiven Entwicklung erkennbar wurden. Johann Grollmisch blieb der letzte bekannte Weber in der Familie Grollmisch, der die Tradition des Textilhandwerks aufrechterhalten hatte.

Die nächste Generation
Seine Söhne entschieden sich für andere Berufe. Der älteste Sohn Robert Eduard (*1852) wurde Küfer und zog nach seiner Heirat im Jahr 1879 mit seiner Familie zunächst nach Kurnatowice, einem Dorf 8 km östlich von Birnbaum. Aus der Ehe mit Pauline Mathilde Stenschke aus Schrimm (Srem), der Tochter eines Gutsbesitzers, gingen fünf Kinder hervor: Mathilde Elisabeth 1880, Ida Jadwiga 1882, Otto Gustav 1891, Frieda Anna Elisabeth 1896 und Walther 1898. Wie der Stadtplan von Birnbaum 1913 verrät, siedelte sich die Familie von Robert Grollmisch im Laufe der Zeit jedoch wieder in Birnbaum an und wohnte in der damaligen Bismarckstraße 12 (heutige 17. Januar- Straße). Diese Tatsache bestätigt auch Hans Krüger 19743 in seinen Erinnerungen (Hans Krüger, Wie es daheim war in Birnbaum/Warthe, 1974).
Nach einem Verzeichnis der selbstständigen Unternehmer in Birnbaum aus dem Jahr 1895 handelte Robert Grollmisch damals waggonweise mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Getreide und Kartoffeln, aber auch mit Obst, Wild- und Hausgeflügel. Wie der „Oredownik powiatu miedzychodzkiego (der Beauftragte des Landkreises Birnbaum)“ im Jahr 1922 berichtete, betrieb Robert Grollmisch sein Geschäft in der Bismarckstraße, das im Adressbuch als Getreidehaus bezeichnet wurde.

Edith Grollmisch, älteste Tochter von Herbert Erich (*1895), betont in ihren Erinnerungen, dass sowohl Robert als auch sein Bruder Rudolf (*1855) sehr gute Händler waren. Beide konnten hervorragend rechnen, waren des Schreibens jedoch nur bedingt mächtig. Sie hatten nie eine Schule besucht und alles, was sie im Leben erreichten, verdankten sie ihrem Scharfsinn, ihrer Gewitztheit und ihrem Mut – und nicht zuletzt ihrer Risikobereitschaft. Besonders Robert soll im Laufe seines Lebens zahlreiche risikoreiche Geschäfte abgeschlossen haben. Zeitweise führte Robert sogar verschiedene Geschäfte in Malopolska (Kleinpolen - Krakau), wo er – wie gewohnt – mit Waren handelte.
Einmal kaufte er eine große Menge Kartoffeln und schickte seinem jüngeren Bruder Rudolf ein Telegramm, in dem er ihn bat, Wagen bereitzustellen, um eine Lieferung am Bahnhof in Birnbaum abzuholen. Der Wortlaut des Telegramms lautete: „Ich komme zurück, Kinder, schickt die Wagen. Stop.“ Leider wurde der Text des Telegramms von der Post verfälscht, sodass der Empfänger schließlich folgende Mitteilung erhielt: „Ich komme zurück, schickt Kinderwagen.“ Da keiner der Brüder schreiben konnte, waren sie nicht in der Lage, den Text der Telegramme zu überprüfen. Schließlich versammelte sich die verwirrte Familie in Birnbaum, um gemeinsam zu überlegen, was für ein Geschäft mit Kindern ihr Verwandter Robert wohl gemacht hätte.
Ein anderes Mal kauften die Brüder Robert und Rudolf gemeinsam eine unzählige Menge an emaillierten Gefäßen aus einer Konkursmasse, die sie dann mit großem Aufwand versuchten, auf verschiedenen Märkten weiter zu verkaufen. Im Allgemeinen galten sie als lebenslustige Händler, denen man nachsagte, dass sie alles und jeden verkaufen könnten (Erinnerungen Edith Grollmisch). Die einzige Tochter Ida Hulda heiratete den Birnbaumer Schneider Karl Bergan und führte zusammen mit ihrem Mann eine Werkstatt und einen Haushalt. Aus der Ehe von Ida und Karl wurden fünf Kinder geboren: Emma Martha Bergan 1885 – 1909, Willi Karl Richard 1891, Karl Max 1893, Gertrud Else 1894 sowie Klara Elisabeth 1896.

Die Begründung der Fischereitradition in der Familie
Die an natürlichen Gewässern und Wasserläufen reiche Umgebung der Stadt bot ideale Voraussetzungen für die Entwicklung der Fischerei.
Die Fischereitraditionen in Birnbaum (Miedzychód) reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück, und die Fischer bildeten eine starke soziale Gruppe, die eigene Privilegien genoss. So nutzte der zweite Sohn Rudolf Grollmisch (*1855) die natürlichen Gegebenheiten des Birnbaumer Landes sowie die Vielfalt der hier vorkommenden Gewässer und widmete sich der Fischerei und Landwirtschaft, was das Verzeichnis der selbstständigen Unternehmer in Miedzychód (Birnbaum) aus dem Jahr 1895 bestätigt. Er blieb in Miedzychód (Birnbaum), wo er sich 1884 in die große Familie Matzke einheiratete, indem er Alwine Martha Helena zur Frau nahm.
Die Familie Matzke, die in der näheren Umgebung von Birnbaum Besitz in Kolno (Kulm), Kamionna (Kähme) und Skrzydlewo (Zollerndorf) hatte, ist in diesem Zusammenhang besonders interessant, weil Alwines Schwester Hulda Matzke Boleslaw Raczkowski heiratete, den Konstrukteur der Birnbaumer Laufpumpe.

In den Erinnerungen von Rudolfs Enkel finden wir die Information, dass Rudolf als Schwager beim Bohren und Errichten der eisernen Pumpenkonstruktion an der Stelle einer artesischen Quelle mitwirkte. Außerdem arbeitete Alwine Matzke als Leiterin in einem der Birnbaumer Kaufhäuser, das einem jüdischen Kaufmann gehörte, der mit Miedzychód (Birnbaum) verbunden war.
Anfänglich wohnte der Fischer Rudolf Grollmisch mit seiner Familie in der Nähe des Kaiserplatzes (heutiger Plac Kosciuszki), nämlich in der Neustadtstraße 5 (heute 3. Mai-Straße), nahe dem Küchensee, und begründete hier die Linie der ausgebildeten Fischer in der Familie Grollmisch. Rudolf hatte mit Alwine vier Söhne. Der älteste war Richard Grollmisch, geb. 1885, gefolgt von Paul Georg, geb. 1890, Herbert Erich 1895 und dem Jüngsten, Max.
Wie sich herausstellte, konnte die Familie von der Fischerei gut leben. Es ging den Grollmischs so gut, dass sie sich im Jahr 1909 (Lt. Grundbuch der Liegenschaft.) den Kauf eines prächtigen Hauses in der Wroniecka Straße 30, der ehemaligen Villa des Unternehmers und Kaufmanns Otto Wendler mit dazu gehörigem Grundbesitz von etwa 22,3 ha mitsamt Dienerschaft und Arbeitern leisten konnten. Neben dem Besitz in Birnbaum besaß Rudolf Grollmisch auch etwa 4 ha Land im ca. 8 km östlich von Birnbaum gelegenen Bielsko.
Alle Söhne Rudolfs (*1855), also Richard (*1885), Paul Georg (*1890), Herbert Erich (*1895) und Max setzten die von Rudolf begründeten Familientradition der Fischerei fort.


Grollmisch – eine Fischerfamilie 
					aus Birnbaum
Die Grollmisch-Villa in der Wroniecka Straße 30 in Birnbaum/Miedzychod um 1930

Zeitenwende
Die heranwachsenden Söhne der Familie Grollmisch, waren Zeugen bedeutender historischer Entwicklungen und Umbrüche, dem Untergang des deutschen Kaiserreichs und der Neugründung eines unabhängigen Polens, und versuchten, sich in dieser dynamischen Realität zurechtzufinden. Nicht allen gelang es jedoch, die existenziellen Probleme des Ersten Weltkriegs zu überleben.
Der zweite Sohn, Paul Georg (*1890 – nach Joanna Grollmisch, Tochter Erich Grollmisch, heute 97 Jahre alt), der als Vierundzwanzigjähriger an der Westfront bei Vailly im Kampfeinsatz war, fiel lt. den Kriegsverlustlisten des Ersten Weltkriegs bereits in der ersten Schlacht am 30. Oktober 1914, die zwar mit einem Erfolg der deutschen Truppen endete, aber von der schweren Niederlage der deutschen Armee an der Marne überschattet wurde. Aus der endgültigen Niederlage des deutschen Kaiserreichs und dem Vertrag von Versailles resultierten völlig neue politische und soziale Bedingungen.
Im Jahr 1920 wurde Birnbaum (jetzt Miedzychód) durch den Vertrag von Versailles in die Grenzen des neu gegründeten polnischen Staates zurückgeführt.

Die deutschen Bürger, die weiterhin in ihrer Heimat leben wollten, waren gezwungen, die polnische Staatsangehörigkeit anzunehmen, die polnische Gesetzgebung anzuerkennen und ein Dokument zu unterzeichnen, das ihre Loyalität gegenüber dem polnischen Staat bestätigte. Nach Aussage von Herbert Erichs Sohn Paul (*1926) unterzeichneten sowohl Rudolf als auch seine Söhne ein solches Loyalitätsdokument, d.h. optierten für den polnischen Staat und konnten dadurch ihr Vermögen behalten. Ein Grundbucheintrag aus dieser Zeit bestätigt den damaligen Bewohnern das Eigentumsrecht an ihrem Haus.

Deutsche, die nicht bereit waren, die polnische Staatsangehörigkeit anzunehmen und die daraus resultierenden Rechte und Pflichten gegenüber dem neuen polnischen Staat anzuerkennen, entschieden sich für die „deutsche Option“. Auf der Grundlage verschiedener aufeinander folgender polnischer Gesetze, beginnend mit dem Dekret vom 16. Dezember 1918 über die Bestimmungen des Versailler Vertrags bis hin zur Agrarreform, die eine staatliche Zwangsverwaltung oder die Konfiszierung von Adelsbesitz vorschrieb, verloren sie ihren immobilen Besitz und mussten das Land Richtung Westen verlassen. Deutsche verkauften damals überstürzt ihre Manufakturen, Werkstätten und Immobilien. D
ie Anzahl der deutschen Bürger der Stadt verringerte sich deutlich, doch trotz bedeutender Veränderungen auf der Landkarte Europas, trotz neuer Grenzen und staatlicher Symbole blieb im Kreis Miedzychód (Birnbaum) eine recht große deutsche Gemeinschaft bestehen, die einen wirtschaftlich starken Kern der Stadt bildete, zu der auch die Familie Grollmisch gehörte (Birnbaumer und ihre Stadt, Krystyna Szczepañska- Hatzke, 2008).

Die zweite Fischer-Generation
Der älteste Sohn von Rudolf (*1855), Richard (*1885), unter der sorgfältigen väterlichen Aufsicht eines Fischereimeisters gründlich ausgebildet, begann in Zirke (Sieraków), wo er mit seiner Frau Luisa Anna Mehrmann in der Kirchenstraße 13 wohnte, eigenständig seine Existenz als Fischer auf- und auszubauen. Die Hochzeit fand 1910 in Birnbaum statt. Aus der Ehe ging wahrscheinlich ein Sohn, Rudolf Otto Werner, im Jahr 1911 hervor. Bis jetzt konnte nur dieses eine Kind aus der Ehe geburtsurkundlich nachgewiesen werden, weitere Nachkommen sind jedoch nicht auszuschließen.
Die unternehmerische und fleißige Persönlichkeit von Richard ermöglichte es ihm, sich auch in wirtschaftlicher Hinsicht gut zu entwickeln und infolgedessen ein angesehener Bürger von Zirke/Sieraków zu werden. In den „Fischerei- Erzählungen“ („Gawedy rybackie“) erinnert Bernard Olewski an Richard Grollmisch als den Betreiber eines großen Fischereibetriebs. Obgleich er gegenüber der polnischen Fischereigenossenschaft in Sieraków keine Feindseligkeit zeigte, fand er nicht bei allen Mitgliedern uneingeschränkten Respekt (nach: Sierakowskie Zeszyty Historyczne, N.: 4, Seite. 29. Jaroslaw Lozyñski.).

Zu preußischer Zeit befanden sich die meisten Seen im Besitz der Krone, und deutsche Bürger wurden eindeutig bevorzugt, wenn es um deren Verpachtung ging. Sie hatten im Gegensatz zu polnischen Fischern die Möglichkeit, die ertragreichen Gewässer der umliegenden Seen und Teiche zu bewirtschaften. Den Polen blieben nur die schwierigen Flussabschnitte übrig, für die sich die Deutschen nicht interessierten.

Nach dem Ersten Weltkrieg und der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens änderte sich die Situation grundlegend, denn nun hatten die Polen das Sagen auch bei der Bewirtschaftung der Gewässer in der Region Miedzychód/Birnbaum.
Die Deutschen gaben jedoch nicht auf, und die nach Kriegsende in der Zweiten Polnischen Republik gebliebenen „Grollmisch-Fischer“ wurden Fischereimeister auf den Gütern des deutschen Adels oder pachteten Gewässer vom Staat. Zu dieser Zeit, so erinnert sich Bernard Olewski in seinen Geschichten über die Fischer des Birnbaum- Zirker Seengebiets, fischte Richard Grollmisch gegen eine prozentuale Beteiligung auf den Ländereien von Zierhof in Chalin oder bei Heitchmann in Izdebno.
In den Zwischenkriegsjahren wurde der Fischverkauf, so Olewski weiter, zweimal pro Woche an Markttagen auf dem Markt abgewickelt. Zusätzlich gab es auch Direktverkäufe vom Hof, da jeder Fischer seine eigenen Fischkästen zur Aufbewahrung lebender Fische hatte (nach Erinnerungen von Adam Igiel).
Mit der Zeit übernahmen zunehmend Posener Händler den Fischhandel: die Familien Borowicz, Dembinski, Heler und andere unterhielten Handelsbeziehungen zu Großhändlern in Lódz, Warszawa (Warschau) oder Kalisz (Kalisch). Zu den Hauptabnehmern im Großhandel sowie zu den Importeuren gehörten reiche jüdische Kaufleute: Feinkind und Knebel aus Zgórze, Lubochinski und Gutkiewicz aus Lódz, die Brüder Zysmann aus Warschau und viele andere.

Juden kauften meistens sog. „weißen Fisch“, einschließlich Kleinfisch und Karpfen. Der Posener Markt griff dagegen nach sogenanntem „harten Fisch“: Barsch, Wels, Aal, Dorsch sowie Krebse, die sogar in den Städten Oberschlesiens ihre Liebhaber fanden. Was die Preisgestaltung betrifft, so hing diese ähnlich wie heute von Angebot und Nachfrage ab, wobei vor Feiertagen der Kaufpreis gewöhnlich stark anstieg.
Die große jüdische Gemeinschaft, die im Vorkriegspolen lebte, spielte ebenfalls eine nicht unbedeutende Rolle. Während der jüdischen Feiertage konnte der Preis für ein Kilogramm Karpfen wirklich hoch sein. Auch muss man berücksichtigen, dass die allgegenwärtige Wirtschaftskrise in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre einen starken Einfluss auf die Kaufkraft der Verbraucher hatte. Nachdem das Dritte Reich Polen überfallen und besetzt hatte, fiel die Aufsicht über die Gewässer im Kreis Miedzychód (Birnbaum) wieder den Deutschen zu.

Aus dieser Zeit sind im Posener Archiv eine Vielzahl von Dokumenten erhalten, aus denen hervorgeht, dass der Fischereimeister Richard Grollmisch in dieser Hochphase in der Umgebung von Zirke eine ganze Reihe kleinerer und größerer Seen links und rechts der Warthe gepachtet hatte (Jaroszewo-, Góra-, Lutomer-, Gleboczek-, Widzno-, Moczydlo-, Wiekie-, Bukowiecko-, Lichwin-, Kubek- und Chojno-See).
Zusammen mit den dazu gehörigen Wasserläufen, die ihm der in Hamburg geborene, seit 1905 dort lebende Eigentümer der Güter Lutom und Groß Lenschetz, Erich von Rodatz, gegen einen Pachtzins zur Bewirtschaftung überlassen hatte, ergab sich zeitweise eine bewirtschaftete Wasserfläche von insgesamt nahezu 350 Hektar. Die Pachtpreise variierten stark, je nach Staatszugehörigkeit. Gemäß einer Dokumentation aus den 1940er Jahren, die auf Dokumenten des Posener Archivs basiert, kostete die Pacht für kaiserliche Güter vor dem Ersten Weltkrieg 16,50 Mark pro Hektar, in polnischen Zeiten 16 Zloty und während des Dritten Reichs nur 5 Reichsmark.
Dieser so niedrige Pachtbetrag war die Ursache vieler Konflikte mit lokalen Grundbesitzern. Die Fangaufstellung aus dem Jahr 1941 vom Lutomsee (Lutomer See) enthüllt viele interessante Details bezüglich der Arten von Fischen, die gezüchtet wurden. Zu dieser Zeit wurden am meisten Brassen gefangen, 2 811 Pfund, gefolgt von Hechten mit 663 Pfund und Aalen mit 541 Pfund. Die Betriebskosten des Fischereibetriebes waren, wie der Fischer Richard Grollmisch aufzeigt, jedoch deutlich höher.
Ein so riesiges Gebiet erfordert nicht nur erhebliche Planungs- und Managementfähigkeiten, sondern, wie man annehmen kann, auch eine beträchtliche Anzahl von Mitarbeitern. Während des Zweiten Weltkriegs arbeiteten bei den Grollmischs auch polnische Arbeiter, die vor Kriegsbeginn teilweise selbst Pächter der Seen waren, deren Pachtverträge jedoch von den Behörden des Dritten Reichs aufgelöst worden waren.

Das dramatische Ende von Richard Grollmisch
Während der schwierigen Zeit des Zweiten Weltkriegs wurde Richard Grollmisch auch zum letzten deutschen Bürgermeister von Zirke ernannt. Die letzten Kriegstage waren für die Stadt von besonderer Bedeutung – vor allem aufgrund der Haltung ihres Bürgermeisters.
Der Krieg befand sich bereits in seiner Endphase, die Hauptwelle der deutschen Flüchtlinge war schon durch die Gemeinde gezogen und die Einheiten der 1. Weißrussischen Front näherten sich unaufhaltsam. Alle wichtigen Verwaltungsstellen waren aus Zirke evakuiert worden, zurückgelassen hatte man lediglich eine Handvoll Polizisten sowie eine kleine SS-Einheit zur Aufrechterhaltung der allgemeinen Ordnung.
Der Rückzug der deutschen Truppen war mit der systematischen Vernichtung von Munitionsvorräten und militärischer Ausrüstung verbunden für den Fall, dass diese nicht mehr Richtung Westen abtransportiert werden könnte. Diese Vorräte wurden meist in Gebäuden mit großem Fassungsvermögen gelagert und sollten mitsamt dem Gebäude gesprengt werden.
In Zirke befand sich ein solches Waffenlager seit Beginn des Krieges in der ehemaligen bernhardinischen katholischen Kirche zur Unbefleckten Empfängnis der Heiligen Jungfrau Maria.

Der Befehl zur Zerstörung der militärischen Vorräte erreichte auch den Stadtkommandanten von Zirke, und die an eiserne Disziplin gebundenen SS-Männer waren fest entschlossen, die historische Kirche von überregionaler Bedeutung skrupellos und ohne Rücksicht auf ihren sakralen Charakter in die Luft zu sprengen.
Auch Bürgermeister Richard Grollmisch erfuhr von dem Befehl zur Sprengung der Kirche und versuchte mit aller Kraft, den militärischen Stadtkommandanten davon abzubringen, diesen Befehl auszuführen. Die Durchführung dieses Befehls wäre am Vorabend des Einmarsches der Roten Armee als besonders barbarischer Akt der Zerstörung gewertet worden.
Nach eindringlichem Zureden erklärte sich der Kommandant schließlich bereit, die Vernichtung der militärischen Vorräte außerhalb des Gotteshauses auf einem nahegelegenen Platz durchzuführen – jedoch stellte er strenge Bedingungen:
Für die Räumung der Kirche gab er dem Bürgermeister genau zwei Stunden Zeit. Die gesamte Aktion sollte unter Aufsicht der SS-Männer stattfinden, und jeder Versuch, Ausrüstung beiseite zu schaffen oder zu retten, sollte mit dem Tod bestraft werden.

Damit begann ein Wettlauf gegen die Zeit. Am 25. Januar 1945 lief Bürgermeister Grollmisch von Haus zu Haus und bat alle Bewohner um Hilfe, weil nur so ihre Kirche gerettet werden könne. Trotz der Gefahr und der widrigen winterlichen Bedingungen kamen viele mutige Einwohner von Zirke seiner Bitte nach und leisteten Unterstützung. Es existiert eine genaue Liste der Personen, die selbstlos bei der schnellen Durchführung der Aktion geholfen hatten.
Das Kircheninnere blieb unversehrt, und die einzigartigen Kunstschätze konnten gerettet werden. Sämtliche in der Kirche lagernde militärischen Vorräte wurde auf einen nahegelegenen Platz geschafft, mit Benzin übergossen und zur Explosion gebracht. Die Menge der bevorrateten Ausrüstung war beeindruckend – laut Zeugenaussagen erreichte der Stapel die Höhe eines zweistöckigen Hauses, die lodernden Flammen überragten sogar die Kirchtürme (nach: Sierakowskie Zeszyty Historyczne, Nr.: 4, Seite. 29. Jaroslaw Lozyñski).

Nach Darstellung von Jaroslaw Lozynski ist die Rettung der historischen Kirche von Zirke in hohem Maße dem entschlossenen Handeln von Richard Grollmisch zu verdanken, der selbst der Freien Evangelischen Gemeinde angehörte (Die Polen, die das Wesen der Freien Evangelischen Kirchen nicht verstanden, hielten Richard fälschlicherweise für einen Zeugen Jehovas oder ein Mitglied der Baptistengemeinde).

Der weitere Lebensweg von Richard Grollmisch ist unbekannt. Nach der Rettungsaktion am 25. Januar 1945 verliert sich seine Spur. Auch seine beiden(?) Söhne verschwanden während der chaotischen Tage der Flucht. Die heute lebenden Nachkommen der Familie Grollmisch besitzen keinerlei Informationen über das Schicksal von Richard und seiner Familie.
Es ist jedoch stark zu vermuten, dass Richard Grollmisch bis zuletzt, d.h. bis zum Eintreffen der Roten Armee in Zirke im Amt des Bürgermeisters blieb –– und anschließend von den sowjetischen Truppen in das Landesinnere der UdSSR deportiert wurde, wo er irgendwann ums Leben kam (nach Erinnerungen von Edith Grollmisch).

Pfarrkirche von Sieraków/Zierke – Mariä Unbefleckte Empfängnis Piotr Opalinski des Wappens Lodzia, Woiwode von Poznan, initiierte 1619 den Bau des Klosters und der Kirche für die Bernhardiner


Auch in Birnbaum lohnt sich das Fischereigewerbe
Den beruflichen Spuren seines ältesten Bruders Richard (*1885) aus Zirke folgt auch der zweitjüngste Bruder Herbert Erich (*1895). An der Seite seines Vaters verwirklichte er sich in seiner Heimatstadt Birnbaum zunächst als Fischereimeister und Landwirt. Im Jahr 1924 heiratete er die Birnbaumerin Martha Voss. Den Eheleuten wurden sechs Kinder geboren: Edith (*1925), Paul (*1926), Johanna, (*1927), Lydia, (*1928), Christa (*1932) und Helmut (*1933).
Zusammen mit seinem Vater Rudolf (*1855) bewarb er sich um die Pacht von Birnbaum umgebenden Seen. Gemäß dem Verzeichnis von 1940 bewirtschaftete Herbert Erich die von der Familie von Kalckreuth gepachteten Küchen-, Mühlen-, Radgoszcz- und Tuczno-Seen sowie den im Besitz der Familie von Willich befindlichen Gorzynskie See. Darüber hinaus nutze er einige kleinere städtische Seen gegen einen entsprechenden Pachtzins.

In den Erinnerungen von Leonard von Kalckreuth „Eine Kindheit in Polen“ (HGr 196/März 2011, S. 22-27) lesen wir, dass der Fischer Grollmisch aus Miedzychód (Birnbaum) regelmäßig jeden Freitag der Familie eine Lieferung von Fischen brachte, wie im Pachtvertrag für den Tuczno-See vereinbart worden war, bestehend aus Hechten, Aalen, Barschen und Schleien, selten auch Muränen.

In den Erinnerungen der ältesten Tochter von Herbert Erich – Edith Grollmisch (*1925) – heißt es, dass von den rund 100 Seen der Birnbaum- Zirker-Seenplatte insgesamt 22 im Besitz bzw. unter Pacht der Familie Grollmisch standen. Zu diesen Gewässerflächen kamen zusätzlich rund 20 Flusskilometer der Warthe, die er gemeinsam mit seinem ältesten Bruder Richard (*1885) aus Zirke bewirtschaftete.

Herbert Erich Grollmisch aus Birnbaum – ein Universalunternehmer seiner Zeit (1895–1979)
Der Ausbau des Fischereibetriebs ermöglichte den Bau weiterer Wirtschaftsgebäude auf dem Anwesen in der Wroniecka Straße 30 in Miedzychód – vor allem Stallungen für Zugtiere, die für den Transport von Fisch und Holz eingesetzt wurden – sowie die Aufstockung des Personals. Auf dem Gut wuchs die Zahl der Arbeiter, hauptsächlich polnische Beschäftigte. Auf dem Grundstück der Grollmischs wurden außerdem drei Mietshäuser errichtet, die von polnischen Arbeitern bewohnt wurden. Diese kümmerten sich um den Garten, die Ernte sowie allgemeine Hilfeleistungen auf dem Hof.
Dank der Eisenbahnanbindung konnten die landwirtschaftlichen Erzeugnisse aus Miedzychód/Birnbaum in ferne Regionen exportiert werden.
Herbert Erichs ältester Sohn Paul (*1926) erinnert sich daran, wie er oft mithalf, die mit Fisch beladenen Wagen zum nahegelegenen Birnbaumer Ostbahnhof zu ziehen.
Dort hatten sie – sowohl vor als auch noch während des Zweiten Weltkriegs – bei einem Herrn Lewandowski ein kleines Lager mit Stangeneis, um den Fang eisgekühlt zu verladen und per Bahn in verschiedene Regionen des Deutschen Reichs zu verschicken. In der wirtschaftlichen Blütezeit waren lt. einem Zeitungsbericht bis zu zwanzig Familien in allen Betriebsteilen von Herbert-Erich Grollmisch beschäftigt.
Ebenso lebendig bleiben die Erinnerungen an das frühere Birnbaum, die uns Edith Grollmisch in ihren Aufzeichnungen hinterließ. Besonders beeindruckt war sie von den riesigen Mengen an Flusskrebsen, die infolge der Krebspest, die ab 1928 in Polen wütete, gefangen wurden. Krebse aus Birnbaum waren ein Genuss und vor dem Krieg auch bei jüdischen Händlern aus Posen, Lódz und sogar Berlin sehr gefragt und hoch geschätzt (nach Erinnerungen von Edith Grollmisch).

„Diversifizierung“ heißt die Devise
Im Laufe der Zeit expandierte der Landwirtschaftsund Fischereibetrieb von Herbert Erich weiter. Als im Kreis Miedzychód/Birnbaum zur Bekämpfung einer Kiefernspinner-Plage in den Jahren 1924 – 1928 in großem Umfang eine präventive Abholzung von Wäldern der Umgebung notwendig war, investierte er kurz entschlossen in den profitablen Holzhandel (Hans Krüger, Wie es daheim war Birnbaum/Warthe, 1974), wie die Studie „Die Birnbaumer und ihre Stadt“ berichtete.
Neben der Fischerei, der Erzeugung und Verkauf von landwirtschaftlichen Produkten und dem Holzhandel hatte Herbert Erich Grollmisch im Laufe der Zeit einen weiteren Geschäftszweig aufgebaut. Er transportierte mit einfachen Flussschuten auf der Warthe im Abschnitt zwischen Miedzychód/Birnbaum, Neu Zattom und Zirke für seine Kunden Kohle, Holz und andere Schüttgüter.

Die Warthe zwischen Zierke/Sieraków und Birnbaum/Miedzychód
Quelle: Straßenkarte Polen Ostbrandenburg-Niederschlesien, Höfer-Verlag


Mit dieser Transporttätigkeit steht eine interessante Episode eines Aktivisten der Arbeiterbewegung in Birnbaum in Verbindung. Dieser Aktivist, Mitglied der Arbeiterbewegung in der polnischen KP mit dem Decknamen „Maly“, kam in den Jahren 1924 – 1928 aus Lódz nach Birnbaum und fand eine Anstellung in der Firma Grollmisch als Schutenbelader. Er wurde bekannt, weil er Streiks unter den Arbeitern, den Schutenbeladern und Sägewerksleuten organisierte, von denen der längste fünf Tage dauerte und 15 Schuten betraf, auf denen die Arbeit eingestellt wurde, so dass die Lastkähne zwischen Nowy Zatom (Neu Zattom) und Chojno zwangsweise untätig vor Anker lagen (Die Figur des Arbeiteraktivisten „Maly“ steht auch im Zusammenhang mit den Bränden, die nach von ihm organisierten Streiks in den Sägewerken von Czajka ausbrachen. Im Jahr 1928 schloss sich „Maly“ radikalen Arbeiteraktivisten in Miêdzychód an. Noch im selben Jahr wurde er verhaftet und ins Geflängnis gebracht. Sein Haftort und sein weiteres Schicksal sind nicht bekannt.).


... und jetzt auch noch unter Tage
Der unglaubliche Unternehmergeist von Herbert Erich ließ ihn ständig nach neuen Herausforderungen und lukrativen Verdienstmöglichkeiten Ausschau halten. Aus einer Ausgabe des „Kurier Poznanski“ (Posener Kurier) von 1934 ist zu erfahren, dass der erst 39-jährige Birnbaumer nun auch im Bergbau aktiv geworden war. In der Region Birnbaum – Nowy Zatom (Neu Zattom) hatte er die nur noch mit Unterbrechungen betriebene Zeche „Wanda“ übernommen, notwendige Modernisierungen durchgeführt und die durchgängige Produktion der Grube wiederaufgenommen.
Die Information wurde von lokalen Zeitungen einschließlich des „Kurier Poznanski“, der „Gazeta Szamotulska“ (Schamottelzeitung) und des „Oredownik Miedzychodzki“ (Birnbaumer Bote) verbreitet.
Die Öffentlichkeit nahm die Nachricht mit großem Beifall auf, da jeder neue Arbeitsplatz in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten von großem Wert war, zumal wenn er in einer abgelegenen Gegend im neu gegründeten, krisengeschüttelten Land entstand. Die Zeche Wanda war 1929 von Adam Firlej aus Miedzychód/Birnbaum geöffnet worden, um reiche Lagerstätten von Braunkohle in der Nähe des Barlin-Sees abzubauen. Zu den weitreichenden Plänen gehörte auch der Bau einer Fabrik neben der Zeche zur Herstellung von hochwertigen Braunkohlebriketts, die, wenn man den zahlreichen Anzeigen des Gründers Glauben schenken darf, den Briketts aus deutscher Herstellung in nichts nachstanden.

Seit 1929 war die Mine in Betrieb und kämpfte mit vielen wirtschaftlichen Problemen, aber letztendlich erhöhte sie Jahr für Jahr sowohl die Beschäftigtenzahlen als auch den Maschinenpark. In der Hochphase beschäftigte die Zeche, die polnische Briketts anbot, bis zu 100 Personen.

Grollmisch – eine Fischerfamilie aus Birnbaum
Braunkohlezeche „Wanda“ - „Klara“
nach Übernahme durch Herbert Erich Grollmisch

Grollmisch – eine Fischerfamilie aus Birnbaum
Birnbaum – Inbetriebnahme des Bergwerks
„Das Braunkohlebergwerk und die Brikettfabrik „Wanda“ in Zatom Nowy, die Herbert Grollmisch erworben hat, wurden nach einer gründlichen Renovierung unter dem neuen Namen „Klara“ wieder in Betrieb genommen. Damit fanden mehrere Dutzend Arbeiter wieder eine Beschäftigung.“


Im Jahr der Übernahme durch Herbert Erich Grollmisch (1934) war die Grube jedoch nicht in Betrieb. Erst die notwendige Modernisierung, die vom neuen Eigentümer durchgeführt wurde, ermöglichte die Wiederaufnahme der Produktion zum Jahresende. Auch der Name der Grube wurde geändert – von „Wanda“ in „Klara“ (Posener Wanderer – Abendausgabe, November 1934).

Diese Namensänderung war kein Zufall, und heute würden wir sagen, dass es eine kluge Marketingstrategie war, denn es gab bereits seit Jahren den renommierten Namen „Klara“ auf dem heimischen Kohlemarkt, an den man jetzt mit den neuen Briketts im Unterbewusstsein der Verbraucher anknüpfte. Grollmisch war sich dessen zweifellos bewusst und kannte den lokalen Markt sehr gut. Das Marktpotenzial war groß, und darüber hinaus genoss die Grube der ehemaligen Eigentümer, der Brüder Firlej und eines Ludwik Modelski, eine gute Presse. Der offizielle Name des Zechenbetreibers lautete ab Oktober 1934 Braunkohlenmine und Brikettfabrik „Klara“ GmbH Miedzychód, Telefon 20.

Das Unternehmen kümmerte sich weiterhin um das Image seiner Marke und schaltete Werbeanzeigen in der lokalen Presse, die nahezu identische Inhalte hatten wie die ein oder zwei Jahre zuvor von den Vorbesitzern aufgegebenen Annoncen, lediglich der Firmenname war geändert worden. Trotz der Marktkenntnisse und der umfangreichen Werbung in der Presse wurde die Zeche jedoch von Monat zu Monat unrentabler.

Schließlich war Grollmisch gezwungen, sie erneut stillzulegen. Die Entscheidung zur Schließung wurde durch den Weggang des leitenden qualifizierten Bergbauingenieurs besiegelt, ohne den die Grube den Betrieb nicht fortsetzen konnte.
Die Restrukturierung und wahrscheinlich die Beschaffung weiterer Mittel zur Finanzierung des Abbaus ermöglichten die Gründung einer neuen Gesellschaft mit dem Namen: Miedzychodzkie Zaklady Górniczo-Przemyslowe „Union“ in Miedzychód (Birnbaum) GmbH, wo laut einem Eintrag im „Jahrbuch der Polnischen Industrie- und des Handels“ von 1938 die ehemaligen Konkurrenten auf dem lokalen Markt, Modelski und Grollmisch, ihr Kapital in einem gemeinsamen Unternehmen zusammenlegten. Die von Höhen und Tiefen geprägte Geschichte der Mine Wanda/Klara endete schließlich im Jahr 1937. In den 1940er Jahren wurde der Abbau von Braunkohle auf der Zeche Klara für immer eingestellt.

Soziales Engagement von Herbert Erich Grolllmisch
Betrachtet man das wirtschaftliche Handeln und Wirken von Herbert Erich Grollmisch, muss auch sein soziales Engagement erwähnt werden. Aus Informationen der „Gazeta Szamotulska“ erfahren wir, dass seine Aktivitäten weit über den geschäftlichen Rahmen hinausgingen und er sich selbstlos am Kampf gegen die Armut im Kreis Miedzychód/Birnbaum beteiligte.
Im April 1924 wurde in Miedzychód das Komitee „Tania Kuchnia“ („Billige Küche“) gegründet, dessen Ziel es war, Lebensmittel sowie Brennstoffe und finanzielle Mittel zur Unterstützung der ärmsten Einwohner der Stadt zu sammeln. Die Tätigkeit des Komitees ermöglichte die Ausgabe kostenloser Mahlzeiten, die mindestens einmal pro Woche Fleisch enthielten, sowie die Zusammenstellung von Paketen, wobei bis Juli insgesamt mehr als 14.500 Hilfspakete ausgegeben wurden.
Die breit gefächerten Aktivitäten der „Günstigen Küche“ erforderte natürlich eine umfangreiche Liste von Spendern, auf der neben vielen bekannten Einwohnern von Birnbaum wie Modelski, Firlej, Czajka, Willich, Kalkreuth usw. auch der Name Herbert Erich Grollmisch als Spender von landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Roggen oder Fisch sowie als finanzieller Sponsor zu finden ist.

Grollmisch-Immobilien und Erbanteile Investitionstätigkeiten in der auch in Polen wirtschaftlich schwierigen Zwischenkriegszeit – die große Weltwirtschaftskrise war ja allgegenwärtig – waren offenbar mit einem hohen finanziellen Risiko und der ständigen Suche nach Kapital verbunden. Beim Durchblättern alter Ausgaben der Gazeta Szamotulska (1924) und des Kurier Poznanski stieß ich auf zwei sehr interessante Anzeigen in der Rubrik „Angebote“. Sie belegen, dass Herbert Erich Grollmisch mindestens zweimal seine Immobilien in den Jahren 1931 und 1937 zum Verkauf anbot.

Grollmisch – eine Fischerfamilie aus Birnbaum
Verkaufsanzeige
„Moderne Villa im Ferienort Birnbaum a.d.W., 11 Zimmer, Badezimmer, Zentralheizung, Warm- und Kaltwasser in den Zimmern, Wintergarten mit Balkon, Zier- und Obstgarten mit 200 Bäumen, zwei größere Wirtschaftsgebäude, Garage, Tennisplatz, in der Nähe eines schönen Sees gelegen, geeignet als Pension. Zu verkaufen. Anfragen: Herbert Grollmisch, Miedzychód.“


Die Anzeige aus dem Jahr 1931 informiert, dass ein Wohngebäude mit Grundstück zum Verkauf stand, bestehend aus einem Vorder- und Hinterhaus, einem geräumigen Hof mit einem Stall einschließlich Gartenland und Wiese. Besonders interessant ist jedoch die Anzeige aus dem Jahr 1937.
Der Verkäufer gibt an, dass die zum Verkauf anstehende Villa im Stadtteil Miedzychód Letnisko (Birnbaum Ostbahnhof) liegt und über 11 Zimmer mit Warm- und Kaltwasseranschluss, einen Wintergarten mit Balkon, einen Zier- und Obstgarten mit 200 Bäumen, zwei größere Wirtschaftsgebäude, eine Garage und – Achtung – einen Tennisplatz verfügt.
Können diese beiden Anzeigen mit dem Eigentum der Familie Grollmisch in der Wroniecka Straße 30 (Kafkastrasse), der ehemaligen Villa Wendler, in Verbindung gebracht werden? Der angegebene Ort und die Straße könnten darauf hinweisen, oder sie dienen möglicherweise nur zur Kontaktaufnahme mit dem Verkäufer. Nimmt man diese Hypothese an, so waren die Verkaufspläne nicht erfolgreich.

Das Vermögen blieb bis 1945 in Familienbesitz. Im Jahr 1937 übertrug der Familienälteste Rudolf (*1855) das Eigentum in der Wroniecka Straße 30 durch eine notarielle Urkunde auf seinen dritten Sohn Herbert Erich (*1895). Mit dieser notariellen Eintragung verkaufte der älteste Bruder Richard Grollmisch (*1885), der in Sieraków (Zirke) lebte und wirtschaftete, seine nach dem Tod seiner Mutter Alwine Martha entstehenden Erbansprüche zum Preis von 6000 Zloty in Gold an Herbert Erich.
Nur ein Jahr später, 1938, sollte der Erbfall eintreten, als die Mutter bei der Geburt eines weiteren Kindes in ihrem Elternhaus verstarb. Der jüngste noch lebende Bruder, Max Grollmisch – Paul Georg (*1890) war ja in den ersten Kriegstagen 1914 in Frankreich gefallen - ebenfalls ein Fischereimeister, der in Küstrin (Kostrzyn) lebte, verzichtete auf seine Rechte am Vermögen zugunsten von Herbert Erich. Im Falle des Vaters war Herbert Erich verpflichtet, ihm lebenslang eine Leibrente zu zahlen, angemessene Lebensbedingungen, Brennstoff, Licht zu gewährleisten sowie die Möglichkeit, Gäste zu empfangen. Der Senior des Clans, Rudolf Grollmisch, starb 85-jährig im Jahr 1940.

Herbert Erich Grollmisch und Ehefrau Martha auf Familienbesuch in Berlin
Familie Grollmisch und die Freie Evangelische Kirche
In der langen Geschichte der ehemaligen Villa Wendler, später im Besitz der Familie Grollmisch, erscheint ein besonders interessanter Aspekt: die Nutzung des Hauses zu religiösen Zwecken durch die Gemeinde der Freien Evangelischen Kirche. Der Bedarf an einem ausreichend großen Versammlungsort für die Gemeindemitglieder war einer der entscheidenden Gründe für den Kauf der Immobilie von Otto Wendler.

Zitieren wir dazu die Worte der ältesten Tochter von Herbert Erich, Edith Grollmisch (1925–2021):
„... Rund um den Kaiserplatz in Miedzychód wohnten viele Brüder und Schwestern unserer Gemeinde, angefangen bei meinen Urgroßeltern und Großeltern. Zu jener Zeit fanden viele von uns zurück zum Glauben, aber es gab keinen ausreichend großen Ort für unsere Zusammenkünfte. Ich glaube, genau deshalb entschieden sich Rudolf und Alwina zum Kauf des großen Hauses, das zu meinem Elternhaus wurde […] …- eines viel zu großen und unbequemen.“

Nach ihrem Bericht wurde der größte Raum im Haus für die Zusammenkünfte der Freien Evangelischen Gemeinde zur Verfügung gestellt, der ein Teil der Familie Grollmisch, angeführt von Richard Grollmisch aus Sieraków (Zirke), angehörte (nach Erinnerungen von Edith Grollmisch). Auf dem Anwesen der Familie Grollmisch wurde zudem eine Sonntagsschule für die Kinder aus der Umgebung organisiert. Den Aufzeichnungen von Edith zufolge fanden in ihrem Haus gelegentlich mehrtägige große Gemeindetreffen statt, bei denen Martha Grollmisch als Gastgeberin fungierte. Eines dieser Treffen fand im Jahr 1930 statt – wie ein Foto belegt, das von Edith Grollmischs Tochter Hannelore Ditrich zur Verfügung gestellt wurde.

Die Tatsache, dass im Elternhaus der Familie Grollmisch Gottesdienste in größerem Kreis abgehalten wurden, bestätigte auch Paul (*1926), der älteste Sohn von Herbert Erich, in seinen Erinnerungen. Zur Ergänzung sei erwähnt, dass die Freien evangelischen Christen Angehörige der Freien evangelische Gemeinden (FeG) sind, die zu den Freikirchen zählen und dem evangelischen Christentum zugeordnet werden. Sie zeichnen sich durch bestimmte Glaubensüberzeugungen sowie eine gemeinschaftsbezogene Struktur aus. Jede Gemeinde ist eigenständig und verwaltet sich selbst. Es gibt keine zentrale Kirchenautorität, die den einzelnen Versammlungen Vorschriften auferlegt. Statt einer zentralen Leitung arbeiten die Gemeinden freiwillig zusammen und unterstützen sich gegenseitig.

Grollmisch – eine Fischerfamilie aus Birnbaum
Treffen der Freien evangelischen Kirchengemeinde in Miedzychod 1930 auf dem Anwesen der Familie Grollmisch

Die Freien evangelischen Christen legen großen Wert auf die Bibel als Grundlage ihres Glaubens und Lebens. Im Mittelpunkt steht die persönliche Beziehung zu Jesus Christus sowie die Notwendigkeit einer geistlichen Wiedergeburt. Die Taufe wird als Glaubenstaufe praktiziert – das bedeutet, dass nur Menschen getauft werden, die ihren persönlichen Glauben an Jesus Christus bekennen.
Das Abendmahl wird als Gedenkfeier gefeiert und ist offen für alle, die an Jesus Christus glauben. Das Gemeinschaftsleben spielt eine zentrale Rolle. Die Gottesdienste sind oft lebendig gestaltet, und die Gemeinden engagieren sich stark in der Kinder- und Jugendarbeit sowie in sozialen Projekten, was sich auch im Leben von Herbert Erich widerspiegelt.

Abschließend ist festzustellen, dass die Freien Evangelischen Christen Teil einer weltweiten Bewegung sind, die aus den religiösen Erweckungen des 19. Jahrhunderts hervorgegangen ist. Sie stehen für eine freie, biblische und gemeinschaftsorientierte Form des Christentums.
Die meist im Mai stattfindenden religiösen und familiären Treffen werden auch in den Erinnerungen von Edith Grollmisch erwähnt. Sie beschreibt diese als besonders freudige und emotionale Anlässe, bei denen die ganze Familie gemeinsam feierte und glückliche Zeiten beim Spazierengehen, Wandern und bei familiären Ausflügen – zum Beispiel mit Booten zur Insel im Bielsko-See – verbrachte (nach Erinnerungen von Edith Grollmisch).

Der Zweite Weltkrieg
Betrachtet man das Familienanwesen der Grollmischs, so geht aus dem Grundbuch hervor, dass im Mai 1939 die Republik Polen kurzzeitig das Anwesen der Grollmischs übernahm. Dies kann durch eine Reihe von Maßnahmen der polnischen Regierung erklärt werden, die kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als Reaktion auf Akte der Aggression oder Sabotage seitens des Dritten Reiches durchgeführt wurden.
Es kann angenommen werden, dass nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Polen die ehemaligen Besitztümer deutscher Staatsbürger mit polnischem Pass, die sich seinerzeit in die Volksliste eingetragen hatten, wieder in ihre Hände übergingen. Die Zeit des Zweiten Weltkriegs zwischen 1939 und der zweiten Hälfte des Jahres 1944 war für deutsche Bürger zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht eine relativ gute Zeit. Die Nationalsozialisten sorgten dafür, dass die Wirtschaftsmaschine auf Hochtouren lief, um die Versorgung für das Kriegsgeschehen sicherzustellen.

Die neue deutsche nationalsozialistische Macht in Miedzychód (Birnbaum) „verdrängte“ die polnischen Eigentümer und vergab die meisten umliegenden Seen in Pacht an deutsche Bürger und Volksdeutsche.
Die Fischer aus der Familie Grollmisch bewirtschafteten zu dieser Zeit praktisch alle Seen des Kreises Birnbaum und sicherten die Lieferungen von frischem Fisch. Die Besatzungsmacht erlaubte ihnen, zwischen 3 und 10 Mitarbeiter zu beschäftigen.

Dank der Eisenbahnverbindung verließen landwirtschaftliche Produkte aus Miedzychód/Birnbaum die Region in die weite Welt. Paul Grollmisch (*1926) erinnert sich, wie sie oft Wagen voller Fische zum nahegelegenen Bahnhof Miedzychód Letnisko (Birnbaum Ostbahnhof) schoben, wo sie auch ein kleines Lager mit Stangeneis unterhielten, um die Fänge auf den Zug zu verladen und zu Bestimmungsorten im ganzen Reich zu senden.
Von den Behörden der neuen Besatzungsmacht erhielt Herbert Erich Grollmisch auch einen See in der Nähe von Bielsko zur Pacht, der seit 1932 im Besitz der aus Niepruszewo stammenden Familie Igiel war (Die aus Niepruszewo stammende Familie Igel kaufte im Jahr 1932 den Bielsko-See von der Familie Posert und bewirtschaftete ihn bis 1939, als das Eigentum vom deutschen Besatzer übernommen wurde.).

Die ehemaligen Kollegen – nicht nur im Fischereihandwerk – Leon Igiel und Herbert Erich Grollmisch standen vor der Probe ihrer Freundschaft: Als Leon Igiel, Soldat der Polnischen Armee, nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen zu seiner Familie zurückkehrte, waren in Birnbaum bereits Vertreibungen polnischer Familien im Gange. Zusätzlich stellte sich heraus, dass sein ehemaliges Fischerhaus am Bielsko-See von der Wehrmacht beschlagnahmt und einem geheimnisvollen Professor der Medizin oder Biologie namens Koch zur Verfügung gestellt worden war (In den Erinnerungen von Adam Igel blieb die Tatsache erhalten, dass während der Besatzungszeit in ihrem ehemaligen Elternhaus in Bielsko ein nicht näher identifizierter Professor der Medizin oder Biologie mit dem Namen Koch wohnte. Dieser soll dort gearbeitet und verschiedene Forschungen oder Beobachtungen durchgeführt haben. Ein Hinweis auf diese Tätigkeit war die große Anzahl von Käfigen für Ratten und andere Nagetiere, die sich auf dem Hof des Hauses befanden.Ein Indiz dafür, dass dieser Professor eine bedeutende Persönlichkeit gewesen sein muss, ist die Tatsache, dass für seinen verwundeten Sohn in den ersten Kriegsmonaten ein Flugzeug direkt aus Berlin nach Miêdzychód kam, um ihn dort abzuholen. Die Existenz eines Versuchsgutes in Bielsko, in dem die Deutschen nicht näher bezeichnete biologische Forschungen durchführten, findet zudem Bestätigung in der Veröffentlichung von Artur Paczesny: „Tu warto wracas.Sladami przeszlosci Gmina Miedzychód“Miedzychód 2014, Seite 5.).

Die Familie Igiel musste sich eine andere Unterkunft suchen. In diesem Moment kam der alte Freund Herbert Erich zur Hilfe, nahm Leon auf und bot ihm Hilfe und Arbeit an. Leon Igiel zog in eine Wohnung in einem der Arbeiterhäuser, die sich auf dem Anwesen der Grollmischs in der Wroniecka Straße 30 befanden, die während der Besatzung in Albert-Leo-Schlageter-Straße umbenannt wurde.
Er erhielt den Status eines Zwangsarbeiters, der den Grollmischs zugewiesen wurde, ähnlich wie zwei andere Kollegen, die Grollmisch vor dem Krieg kannte: Franciszek Pawlak und Franciszek Klejdzinski. Vermutlich erleichterte die Tatsache, dass sie den Fischereiberuf kannten, die Begründung für ihre Beschäftigung gerade im Fischereibetrieb der Familie Grollmisch.

Nicht nur die Entscheidung, Kollegen auf seinem Hof zu beschäftigen, zeigt die Freundlichkeit gegenüber Polen, sondern auch den Charakter von Herbert Erich. Leon Igiel und Franciszek Pawlak erinnern sich noch an eine weitere Begebenheit, die sie davor bewahrt hatte, die unangenehmen Konsequenzen der deutschen Besatzungsmacht zu erleiden: Eines Tages, nach dem Fischen, sollten Franciszek und Leon den Fang mit einem Pferdewagen in die Stadt bringen. Bei der Arbeit erlaubten sie sich, zu viel Alkohol zu konsumieren, was dazu führte, dass sie den Großteil der Ladung unterwegs verloren. Sie kamen vollkommen betrunken in der Stadt an.

Die Sache mit den verlorenen Fischen wurde von der örtlichen deutschen Gendarmerie aufgegriffen, und natürlich wurde Herbert Erich in dieser Angelegenheit verhört. Dieser übernahm jedoch ganz bewusst die volle Verantwortung und gab an, er selbst hätte auf dem Wagen mit dem Fang gesessen, sei dabei eingeschlafen und habe durch eigenes Verschulden unterwegs die Fische verloren.
Die Angelegenheit verlief im Sande, zumindest ohne lebensbedrohliche Konsequenzen für die Mitarbeiter. Die Bewirtschaftung eines großen Areals von Seen erforderte natürlich mehr Mitarbeiter.

Ähnliche Hilfe zeigte Herbert Erich Grollmisch gegenüber der Familie Mejza, die vor dem Krieg den kleinen Szeninski-See nahe Radgoszcz (Radegosch) bewirtschaftete hatte.
Im Gegensatz zu dieser edlen und kollegialen Haltung ist das raue und unfreundliche Verhalten von Herbert Erichs Tochter Johanna (*1927 – Joanna Grollmisch heiratete nach dem Krieg den Engländer Derek John Weate und zog mit ihm nach Großbritannien. Sie verließ Polen bereits 1945 und reiste nach England. Dort entschloss sie sich, ein Angebot der britischen Regierung anzunehmen, das eine Ausbildung zur Krankenschwester einschließlich Übernahme der Unterkunftskosten vorsah – auf dieses Angebot war sie durch ein Plakat bzw. eine Bekanntmachung in Rinteln aufmerksam geworden.) gegenüber Leon Igiel, der auf dem Anwesen der Grollmischs lebte, zu erwähnen.
Sie äußerte sich in unflätigen Worten sehr unzufrieden darüber, dass Leon zu allen Mahlzeiten in ihr Haus kam. Diese Haltung kann natürlich durch eine charakterliche Veranlagung und eine negative Einstellung gegenüber Polen erklärt werden.

Um jedoch Objektivität zu wahren, muss betont werden, dass Polizeidienste, NSDAP-Zellen und unzählige Gruppen von Informanten kontrollierten, wie die Zwangsarbeiter behandelt wurden, um sicherzustellen, dass es zu keinerlei Vertraulichkeiten kam. In solchen Fällen hätten auch deutsche Familien unangenehme und harte Repressionen durch die deutsche Besatzungsmacht erfahren können. Die Beweggründe für das Verhalten von Johanna Grollmisch bleiben uns letztlich verborgen.

Die Familientradition der Fischereiwirtschaft setzte unter allen Kindern von Herbert Erich und Martha deren Sohn Paul (*1926) fort, der eine fachspezifische Ausbildung auf dem polnischen Fischereitechnikum in Sieraków (Zirke) erhielt, das im April 1939 gegründet worden war.
Diese Ausbildungseinrichtung war die dritte ihrer Art in Europa und ermöglichte aufgrund eines angeschlossenen Internats angehenden Fischern aus ganz Polen, dort eine solide Berufsausbildung zu absolvieren.
Zwar störte der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs den Betrieb der Schule empfindlich, im weiteren Verlauf des Krieges entschieden sich die deutschen Besatzungsbehörden jedoch, die Kontinuität der Einrichtung aufrecht zu erhalten.

In den Jahren 1940 – 1944 wurden im Technikum 12 deutsche Schüler ausgebildet, unter ihnen war auch Paul Grollmisch. Die Schule konnte er jedoch nicht abschließen, da er in den letzten Kriegsmonaten zur Wehrmacht eingezogen wurde und als 19-jähriger Junge bei der Verteidigung und den Aufräumarbeiten in Berlin eingesetzt wurde.
Die Überquerung der Weichsel durch die Rote Armee im späten Herbst 1944 markierte den Beginn der massiven und panischen Evakuierung der deutschen Bevölkerung aus den zuvor besetzten Gebieten Polens, die in ihrer Anfangsphase einem unkontrollierten, endlosen Strom von Menschen glich.
Erst ab den Grenzen Großpolens normalisierte sich die Situation etwas, was eine eigentümliche Mischung aus Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung, der Organisation ihrer Evakuierung und gleichzeitig von Verteidigungsaktionen darstellte.
Das Wartheland wurde in die Zonen A, B und C aufgeteilt, nämlich Ost, Mitte und West, aus denen die Zivilbevölkerung gemäß dem Evakuierungsplan immer weiter nach Westen geleitet werden sollte. Die Front jedoch bewegte sich schneller als Befehle übermittelt werden konnten, was zu einem furchtbaren Chaos führte. Der Evakuierungsbefehl für die deutschen Bürger von Miedzychód/Birnbaum wurde am 20. Januar 1945 ausgegeben. In der Nacht vom 20. auf den 21. herrschte große Unruhe in der Stadt. Menschenmassen drängten sich fieberhaft auf den Straßen und Plätzen und organisierten hastig Transporte mit Schlitten oder Fuhrwerken zum Bahnhof, von wo aus eine Chance bestand, einen Zug Richtung Westen zu erreichen.
Am nächsten Tag herrschte Stille auf den Straßen, die von einer weiteren Welle von Flüchtlingen aus anderen Teilen des Warthelands, die durch die engen Straßen der Stadt rollte, gestört wurde.
Der letzte, überfüllte Zug verließ den Bahnhof von Miedzychód (Birnbaum) am 27. Januar sehr früh am Morgen (nach: Das Kriegsende 1945 im Westteil der Warthel andes und im Osten der Neumark; Karl Hielscher). Die wenigen, die blieben, konnten sich noch mit letzten Militärtransporten oder eigenen Transportmitteln retten. Unter dem endlosen Strom von Fuhrwerken sollte sich am Ende auch ein Wagen mit der Familie von Herbert Erich einschließlich seiner Töchter und seines jüngsten 12-jährigen Sohnes Helmut (*1933) befinden, gefahren von Franciszek Pawlak, der sich verpflichtet hatte, die Familie so weit wie möglich in Richtung Küstrin zu bringen, von wo die Flüchtlinge dann weiter zu Fuß in die West-Prignitz ziehen sollten, die als Sammelpunkt für Deutsche aus den Kreisen Miedzychód (Birnbaum) und Miedzyrzecz (Meseritz) festgelegt worden war (Nach: Erinnerungen Adam Igiel).

Die Flucht aus der Heimat
Auch die Familie von Herbert Erich Grollmisch rechnete mit der Notwendigkeit einer Evakuierung. Ein Teil der zum Überleben notwendigen Dinge wurde bereits in der Nacht vom 19. auf den 20. Januar vorbereitet.
Herbert Erich, der zu dieser Zeit in eine Einheit des Volkssturms eingezogen war, bereitete zwei Pferdegespanne vor, mit denen die Familie seinen Onkel Max in Küstrin erreichen sollte. Die Evakuierung wurde damals als vorübergehend angesehen – viele Deutsche hofften, nach Abklingen der größten Gefahr in ihre Heimat zurückkehren zu können. Leider kam es anders.
Die Nacht von Samstag auf Sonntag, dem 20. Januar, war besonders frostig. Die Temperaturen sanken auf minus zwanzig Grad, was die meisten Maschinen und Fahrzeuge lahmlegte. Es blieben nur noch Pferdefuhrwerke für die Flucht. An diesem Abend suchte Grollmisch zusammen mit anderen Volkssturmkameraden im örtlichen Kino Schutz vor der Kälte, als schließlich die lang erwartete Nachricht und das Signal zur Evakuierung eintrafen. Es ging los.
Herbert Erich eilte nach Hause, um die Kinder auf den Treck zu seinem Bruder Max nach Küstrin zu schicken. Zwei jeweils von zwei Pferden gezogene Wagen trugen den gesamten Besitz, den die Familie mitnehmen konnte. Einer der Wagen war für das Futter der Pferde auf der langen Strecke bestimmt, der andere wurde mit Federbetten und einem Vorrat an Lebensmitteln beladen.
Nachdem Franciszek Pawlak die Flüchtenden verlassen hatte, übernahm die älteste, damals zwanzigjährige Tochter von Herbert Erich, Edith, die Führung des Trecks. Die jüngere Schwester Johanna (*1927) war durch Fieber und eine Erkältung geschwächt und nicht in der Lage, sich um die jüngeren Geschwister Lydia, Christa und den Jüngsten, Helmut, zu kümmern.
Schon kurz hinter Miedzychód (Birnbaum) begann eines der Pferde zu lahmen. Die entschlossene Edith Grollmisch suchte in der Umgebung nach einem Schmied, der unermüdlich versuchte zu helfen und das Tier entsprechend neu beschlug, damit die Familie ihre Flucht fortsetzen konnte.

Die Fahrt nach Küstrin war auf den glatten, überfüllten Straßen äußerst gefährlich und anstrengend. Edith musste die Pausen während der Fahrt sorgfältig planen, um sowohl den Pferden als auch der Familie zumindest etwas Erholung zu ermöglichen. Die Lebensmittelvorräte schrumpften unaufhaltsam. Als die Familie schließlich in Küstrin ankam, wurde ihr schnell klar, dass die Evakuierung keineswegs nur von kurzer Dauer sein würde.
Alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass der Exodus der deutschen Bevölkerung aus den westlichen Gebieten des heutigen Polen gerade erst begonnen hatte und sich über viele Monate hinziehen würde.
Entschlossen, das Überleben ihrer Familie zu sichern, fasste Edith den mutigen Entschluss, nach Miedzychód (Birnbaum) zurückzukehren, um weitere Lebensmittel zu beschaffen.
Glücklicherweise gelang es ihr, ein Auto anzuhalten, das sie bis an den Stadtrand von Birnbaum mitnahm. Dort angekommen, stellte sie fest, dass im elterlichen Haus noch versprengte Soldaten der Wehrmacht und des Volkssturms untergebracht waren.
Es gelang ihr, die Soldaten um Hilfe zu bitten und sie zu überreden, die letzten verbliebenen Hühner auf dem Hof einzufangen. Einige der Hühner schlachtete Edith vor Ort, packte das Fleisch in einen Sack und machte sich auf den Rückweg nach Küstrin. Auf dieser Rückfahrt sah sie ihren Vater, der mit einer kleinen Einheit des Volkssturms in Richtung Berlin marschierte, vorläufig zum letzten Mal. Wie in Trance rannte sie auf ihn zu und drückte ihm das letzte Stück Brot in die Hand.

Wiedersehen an der Elbe
Das Ziel von Ediths Flucht mit ihren Geschwistern war Bittkau, ein Dorf an der Elbe zwischen Magdeburg und Tangermünde. Hier hatte ihr Vater vor dem Krieg den Hafenmeister und dessen Frau kennengelernt, mit denen er früher auch Fischhandel betrieben hatte.
Nach Aussagen von Johanna Grollmisch (*1927) hatte der Hafenmeister von Bittkau zudem Verwandte in Miedzychód (Birnbaum) und im Falle einer Notlage Hilfe zugesichert. Die Geschwister Grollmisch erreichten Bittkau am Ende sicher, jedoch von den Strapazen der Flucht völlig erschöpft.
Wie es im Leben oft der Fall ist, verlief nicht alles reibungslos – die Frau des Hafenmeisters war wenig begeistert von der Tatsache, dass die Familie so zahlreich war, und verlangte von Edith eine Art Bezahlung für die zu gewährende Hilfe – die Hälfte der Speckvorräte, die die Geschwister auf ihrer Flucht mitgenommen hatten, wechselte den Besitzer. Gegen diese „Bezahlung“ erhielt die Familie jedoch Unterstützung und ein Dach über dem Kopf. Unerwartet kam auch der Bürgermeister von Bittkau der Familie Grollmisch zur Hilfe.
Nach etwa drei Wochen Marsch erreichte schließlich auch Herbert Erich aus Richtung Bochum Bittkau. Die Wiedervereinigung der Familie brachte für kurze Zeit Erleichterung und Zuversicht.

Nach einiger Zeit in Bittkau beschloss die Familie jedoch, sich aufzuteilen. Lydia (*1928) reiste nach Berlin und fand Unterkunft bei der Familie Rosenthal. Johanna (*1927) begab sich nach Rinteln/Weser, wo eine Tante lebte, und blieb dort für eine gewisse Zeit.
Auch Paul (*1926), der von der Wehrmacht, wo er u.a. in den Niederlanden im Einsatz war, entlassen worden und nach Bittkau gekommen war, fand bei derselben Tante in Rinteln Unterkunft.
Der kleine Helmut (*1933) war inzwischen etwas älter geworden und konnte eine Ausbildung zum Bäcker in Essen beginnen. In Bittkau blieben Herbert Erich und seine Tochter Christa (*1932) zurück, wo Herbert seinen Beruf als Fischer an der Elbe ausübte (nach Erinnerungen von Edith Grollmisch.).

Der triumphale Sturm der Roten Armee durch Polen bis nach Berlin markierte einen Wendepunkt in der Geschichte. Die bis dahin bekannte Welt mit ihrer Ordnung hörte in jeder Hinsicht auf zu existieren, sowohl wirtschaftlich, sozial als auch kulturell. Für viele schloss sich dieses Kapitel der Geschichte, und es blieb nur der Blick in eine ungewisse Zukunft.
Herbert Erich Grollmisch starb 1979 in Bonn-Bad Godesberg. Er hinterließ in Miedzychód (Birnbaum) nicht nur ein verlassenes Anwesen, die besten Jahre seines Lebens und sein Herz, sondern vor allem die Erinnerung an ihn als einen guten Menschen.


Ein herzlicher Dank gilt allen, die zur Rekonstruktion der Geschichte der Familie Grollmisch aus Miedzychód und Sieraków beigetragen haben. Besonderer Dank geht an Hannelore Ditrich, Jürgen Grollmisch und Johanna Grollmisch (97 Jahre).