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Heimatbuch 1953 – Weihnachten
Albrecht Fischer von Mollard
Im Mai 2025 hatte sich
Heimatfreund Franz
Marowski, Berlin an
den Heimatkreis
gewandt und diesem
sämtliche in seinem
Besitz befindlichen
Bücher und Druckschriften
über den
Kreis Meseritz zum
endgültigen Verbleib
in der sog.
Meseritz-Sammlung
der Martin-
Opitz-Bibliothek angeboten.
Darunter befand sich
auch ein kleiner grauer, unscheinbarer
Band – ein
Heimatbuch, herausgegeben
von der Landsmannschaft
Berlin-Mark Brandenburg im
Jahre 1953. Total vergilbte Seiten – Ausdruck
der schlechten Papierqualität
der Nachkriegszeit.
Beim oberflächlichen Durchblättern
des Bändchens entdeckte
ich auf einer der letzten Seiten einen kleinen
Beitrag, der mich anrührte: Gleiche oder ähnliche
Gedanken und Gefühle, wie sie der fast lyrische Text vom Bauern Klenk aus Schermeisel so
eindrucksvoll schildert, dürften unsere Eltern und
Großeltern damals in den Weihnachtstagen des
Jahres 1944 gehabt haben, wenn sie an die vor
ihnen liegende Zukunft dachten.
Letzte Weihnacht
Otto Fiedler
Es war am Weihnachtsabend 1944. Die Zeit der
Christvesper kam heran. Bevor er seinen Hof zum
Kirchgang verließ, ging der Bauer Klenk in
Schermeisel im Sternberger Land noch einmal
durch Hof und Stall, um zu sehen, ob alles seine
Ordnung habe. Das war Bauerngewohnheit von
alters her. In allen früheren Jahren hatte ihm ein
kurzer Rundgang die Gewissheit gegeben, dass
Vieh und Scheune wohl verwahrt waren.
An diesem Abend aber schritt er langsam und
stand dann lange im Stall ganz still, wie von Gedanken
festgehalten, mit denen er nicht fertig
werden konnte. Warm war es im Stall trotz der
Kälte draußen, aber es war keine Wärme des
Geborgenseins, und das Behagen, das sonst von
den leise schnaufenden und stampfenden Tieren
ausging, konnte ihn an diesem Abend nicht beruhigen
und um keinen Grad froher machen.
Er hatte in seinem Leben alle Handlungen
vorher gut durchdacht. Nun aber lag etwas in der
Luft, vor dem er ratlos war. Erschreckende Nachrichten
besagten, dass die östliche Front schnell
auf seine Heimat zukam. Niemand wusste etwas
Genaues darüber, und selbst die Offiziere des
nahen Truppenübungsplatzes, mit denen er Verbindung
hatte, zuckten auf seine Frage die Schultern.
Klenk war immer ein tätiger Mann gewesen.
Vor dem aber, was er nur ahnen konnte, wusste
er sich nicht zu helfen. Einmal strich er wie prüfend
über die Geschirre an der Wand, doch geschah
es aus keinem klaren Gedanken heraus.
Er empfand sich selbst nur als einen Teil seines
Hofes. Allem Leben darauf war er verantwortlich.
Was sollte ein Bauer tun, jetzt mitten im Winter,
wenn die Furie kommen sollte? Er wusste
keinen Weg, aber er suchte auch ernstlich keinen.
Das drohende Unheil machte ihm nur das
Herz schwer und lähmte ihn mehr als es anregte.
Der Grauschimmel zerrte an seiner zu kurzen
Kette. Klenk verlängerte sie, löschte dann das
Licht und trat in den Hof.
Es war dunkel geworden. Der Hof lag auf einer
Anhöhe über dem Schermeiseler Tal,
Siebenruthen genannt. Drüben hing der Wald des
Michelberges wie ein schwarzes Tuch. In der Ferne
hob sich der Schatten des Buchwaldes gerade
noch gegen den Himmel ab. Auf den
Grochower Höhen im Osten waren Himmel und
Erde schon zusammengeflossen zur undurchdringlichen
Wand der Nacht. Am Westhimmel aber
blaute noch eine Spur von Licht. Die Bogen des
Taubenberges und des Teichstrauches lehnten
sich dagegen und hielten das Tal zusammen als
eine kleine geborgene Welt.
Auf dem langen flachen Abhang zum Dorf hinunter
stiebte der Pulverschnee. Leise sirrte er vor
dem Winde her, bis er an der Schlehenhecke zur
Ruhe kam. Die große Fläche wurde unterbrochen
durch ein Viereck von dunklen Punkten. Es waren
die Obstbäume, mit denen der Bauer seinen Acker
im letzten Herbst umpflanzt hatte. Im ganzen langgestreckten
Ort war kein Licht zu sehen, so streng
nahm man die kriegsbedingten Anordnungen,
obgleich während des Krieges kaum jemals etwas
von feindlichen Fliegern in dieser Gegend zu
bemerken war.
Es war ganz still, wunderbar und unheimlich
zugleich. Allein mit den Gedanken, die ihn bedrängten,
stand der Mensch in der weiten Landschaft,
die ihm jetzt mit ihrer Freundlichkeit nicht
helfen konnte, weil sie eingetaucht war in die Farblosigkeit
der Nacht.
Da begannen die Glocken der Kirche im Tal zu
läuten, und langsam stapfte der Bauer durch den
Schnee dem Klange zu. Die Kälte erfrischte ihn,
und das Geläut stimmte ihn zuversichtlicher. Es
fiel ihm ein, dass seit vielen Geschlechtern weder
Krieg noch Unruhe diese Gegend heimgesucht
hatten, und dass selbst die Zeit Napoleons
keine anderen Spuren hinterlassen hatte als den
Namen eines verborgenen Weges mitten im Walde,
den die Königin Luise damals auf ihrer Flucht
nach dem Osten benutzt haben soll.
Vielleicht würde sich auch dieses Mal die feindliche
Woge brechen! Wenn nicht früher, dann doch
wohl an den Festungsanlagen auf den Höhen bei
Meseritz, die man in den Jahren vor dem Kriege,
wie Klenk wusste, mit großem Kostenaufwand
errichtet hatte.
So erreichte der Bauer das Dorf, und als er die
Kirchentür öffnete, nicht ahnend, dass dies die
letzte Christfeier der Gemeinde war und wie unsagbar
das Leid der nächsten Wochen und Jahre
sein würde, da umfing ihn mit dem Klang der Orgel
noch einmal die Hoffnung auf das, was allein
sein schweres Herz leichter machen konnte: der
Frieden auf Erden.
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