Vor 75 Jahren verließen wir die Heimat

Text und Fotos: Helmut Kahl

In diesem Jahr begehen wir den 75. Jahrestag der Beendigung des 2. Weltkrieges, gedenken aber auch des Beginns der völkerrechtswidrigen Vertreibung von knapp 15 Millionen Deutschen aus ihrer angestammten Heimat.
Auch die auf Verzicht von Rache und Vergeltung aufgestellte Charta der Vertriebenen besteht seit 70 Jahren. Der Überlebenswille dieser Menschen war es, nach dem grausamen Krieg einen Neuanfang zu beginnen. Das ist Grund genug, Bilanz zu ziehen. „Es ist nicht einfach, die Heimat zu verlieren und eine neue Heimat zu finden. Familie und Heimat sind integraler Bestandteil des menschlichen Lebens.“


Nachdem die deutsche Armeeführung Anfang Januar 1945 den Aufmarsch von mehr als zehnfach überlegenen Kräften der sowjetischen Armee in den drei Weichselbrückenköpfen von Baranów, Pulawy und Magnuszew festgestellt und trotz dringender Vorstellungen beim Führerhauptquartier keine Verstärkung erhalten hatte, war bereits deutlich, daß der zu erwartende Angriff eine militärische Katastrophe auslösen und die Zivilbevölkerung in ihren Wirbel reißen mußte.

Der Tagesbefehl an die Truppen
Am 12. Januar 1945 erteilte der Oberbefehlshaber der Truppen der 1. Weißrussischen Front, Marschall der Sowjetunion, Georgi Schukow, folgenden Tagesbefehl an die Soldaten, Unteroffiziere und Generale der Truppen der ihm unterstellten Front.
Darin heißt es u. a:

Die Zeit ist gekommen, mit den deutsch-faschistischen Halunken abzurechnen. Groß und brennend ist unser Haß! Wir haben die Qualen und das Leid nicht vergessen, welche von den hitlerischen Menschenfressern unserem Volke zugefügt wurden. Wir haben unsere niedergebrannten Städte und Dörfer nicht vergessen. Wir gedenken unserer Brüder und Schwestern, unserer Mütter und Väter, unserer Frauen und Kinder, die von den Deutschen zu Tode gequält wurden. Wir werden uns rächen für die in den Teufelsöfen Verbrannten, für die in den Gaskammern Erstickten, für die Erschossenen und Gemarterten.
Wir werden uns grausam rächen für alles. Wir gehen nach Deutschland, und hinter uns liegen Stalingrad, die Ukraine und Weißrußland. Wir gehen durch die Asche unserer Städte und Dörfer, auf den Blutspuren unserer Sowjetmenschen, die zu Tode gequält und zerfetzt wurden vom faschistischen Getier. Wehe dem Land der Mörder! ...Für den Tod, für das Blut unseres Sowjetvolkes sollen die faschistischen Räuber mit der vielfachen Menge ihres gemeinen schwarzen Blutes bezahlen!
...
Diesmal werden wir das deutsche Gezücht endgültig zerschlagen!...
Dieser Tagesbefehl wurde in den Schützengräben allen Soldaten verlesen, um diese für den bevorstehenden Kampf zu motivieren.


Vom 12. bis 15. Januar 1945 erfolgte der Großangriff aus den verschiedenen Aufmarschräumen an der gesamten Front. Die mit ungeheurem Truppen- und Materialeinsatz geführten sowjetischen Angriffe erzielten schon in wenigen Tagen große Erfolge. Am schlimmsten entwickelte sich die Lage für die deutsche Abwehrfront im großen Weichselbogen und im Raum von Warschau. Schon am ersten Tag waren hier tiefe Einbrüche erfolgt, und am 15. Januar gab es in diesem Gebiet keinerlei zusammenhängende deutsche Front mehr. Im Gebiet des Warthegaues waren zu dieser Zeit die Städte Wreschen und Gnesen von russischen Truppen besetzt und am 25. Januar die Festung Posen eingeschlossen worden (Kapitulation von Posen am 23. Februar), und noch immer drängten die Truppen Schukows in zügigem Vormarsch weiter nach Westen. Ihre Spitzen stießen beiderseits des Tirschtiegel-Riegel vorbei und erreichten schon in den letzten Januartagen die Oder. Am 2./3. Februar war ganz Ostbrandenburg bereits von russischen Truppen besetzt.
Infolge der Schnelligkeit des russischen Vormarsches waren viele Flüchtlingstrecks auf dem Wege nach Westen überrollt worden. Nur diejenigen, die rechtzeitig über die Oder gelangten, waren vorerst in Sicherheit, denn bis zum April blieb die Front an der mittleren Oder stehen.

Die letzten Tage in Tirschtiegel
Mit Auszügen aus zwei Feldpostbriefen meiner Mutter Elisabeth Kahl *1905 aus Tirschtiegel an meinen Vater Wilhelm Kahl *1900 möchte ich die damalige Lage in Tirschtiegel zum Ausdruck bringen.

Darin heißt es am 23.01.1945:

„Mein lieber guter Mann und Vater! Deinen lieben Brief und Bildchen heute dankend erhalten. Auch Sohn Horst läßt danken für alles Gute. (Er hatte am 23.01. seinen 12. Geburtstag).
Die Kinder haben jetzt keine Gedanken zum Schreiben. Nimm es bitte nicht übel. Jetzt ist Nacht 2.00 Uhr, aber ich muß Dir schreiben.
Wir sind noch hier und wissen nicht, wie lange noch. Gepackt habe ich alles fertig. Morgen holt uns Opa Hermann Schulz vom Gut Schloß Tirschtiegel ab mit allen Sachen. Wenn es heißt aufladen, dann sind wir da. Die besten Pferde aus dem Stall werden genommen, alle gut beschlagen.
(Anmerkung: Die Flucht der Familien der Gutsarbeiter der Herrschaft Fischer von Mollard waren organisatorisch vorbereitet worden.)
Heute ist der Kutscher Päch mit der Familie Fischer von Mollard mit Pferdewagen nach Straußberg auf ein großes Gut abgefahren. Unser Ziel wird wohl auch Richtung Straußberg sein. Wenn wir unterwegs sind, schreibe ich laufend. Wenn die ersten Russen nach Posen kommen, werden wir von hier wohl alle fort müssen.
Es sagen alle, lieber wollen wir hinter der Oder sein, nur nicht hier bleiben. Verfolge gut den Bericht vom Oberkommando der Wehrmacht, dann weißt Du was los ist. Wenn sie von Posen bis hier her kommen, dann brauchst Du vorläufig nicht schreiben. Dann geht die Post doch nicht mehr.
Nun Kopf hoch, uns fällt es schwer, die Heimat zu verlassen. Aber wir wollen uns doch noch wiedersehen. Nur nicht verzagen. Wir haben schon seit voriger Woche Freitag die ersten Flüchtlinge fahren sehen. Es geht von früh bis abends. Alle Deine Sachen bringe ich mit.
Herr Wilhelm Liebig (Verwalter des Sägewerkes am Koninsee) soll den Treck führen mit Kutscher Pieterek mit seinem Gespann und alle übrigen Kutscher. Wir sind nicht die Einzigen. Der ganze Warthegau, bis von Kutno und Posen kommen sie. Ich denke, wenn wir mit Liebig auf ein Gut kommen, werden wir auch zu Essen haben.“

In einem weiteren Feldpostbrief vom 24.01.1945 schreibt meine Mutter:

„Lieber guter Papa! Jetzt ist es 10.00 Uhr. Es ist alles ruhig. Ich bin noch zu Hause beim Mittag kochen und Abwaschen. Wenn alles ruhig ist und wir noch nicht aufgefordert werden zum Abrücken, dann bleiben wir noch hier.
Aufgeladen ist alles schnell. Helmut muß immer von Opa Nachricht holen. Gepackt habe ich heute fertig. Nun mein Allerbester, sorge Dich nicht um uns. Wir ziehen uns gut an, damit wir nicht frieren. Die Kinder packe ich in die Betten, Oma auch. Reimanns und Kinder sowie Frau Paschke sind auch auf unserem Wagen. Ich schreibe dann alle Tage.
Den Schulunterricht gibt es seit gestern nicht mehr, nur Flüchtlinge. Und heute die ersten Leichtverwundeten, die von Frau Koch betreut werden.
Nun mein Lieber, sorge Dich nicht um uns, wir sehen uns wieder, wenn Gott es will.
Vater Albert Kahl und die Familie fahren auch, wenn es sein muß. Alle lassen Dich grüssen. Sei tapfer, lieber Papa, unser Herrgott wird uns helfen.
Es geht um Alles. Der Nachbar macht morgen früh auch fort, nach Landsberg. Geld haben wir, Essen auch. Eine ganze Weile halten wir aus.
Lieber Papa. Tausend liebe Grüsse von Deiner treubleibenden Elise. Behüte Dich Gott. Bete für uns und wir für Dich. Es wird alles gut werden. Es grüssen Dich Deine Kinder, Oma, Opa, Vater und alle Verwandten. Auf ein gesundes Wiedersehen was wir stark hoffen wollen.“

Beide Feldpostbriefe an meinen Vater kamen mit dem Vermerk „Nicht zustellbar“ zurück und sind dadurch erhalten geblieben. (Mit Vater Albert Kahl *1864 ist unser Großvater gemeint. Er war Landwirt, Korbmacher und Leichenbestatter in Tirschtiegel. Er sprach perfekt polnisch und sagte: Ich habe keinem etwas zuleide getan. Warum soll ich flüchten, wenn uns der Krieg überrollt? Ich bleibe hier!)


Am 24.01. gegen Mittag erging per Handglocke der Aufruf an alle Büger der Stadt, sich auf den Marktplätzen der Alt- und der Neustadt zu versammeln. Vor der Gaststätte Morell in der Altstadt sprachen Buürgermeister Karl Zimmermann und der Heimatdichter Herybert Menzel. Sie erklärten, die NSDAP Kreisleitung habe befohlen, Ruhe zu bewahren. Für eine notwendige Evakuierung wäre vorgesorgt, man wurde rechtzeitig Bescheid geben. Die Bürger sollten in der Stadt bleiben. Militär würde für den Fall einer Evakuierung Fahrzeuge zur Verfügung stellen. Zurzeit bestünde keine Gefahr.




An der Versammlung auf dem Marktplatz in der Neustadt nahm ich teil. Ich kann mich noch an die Worte des Bürgermeister Zimmermann erinnern der dazu aufrief, dass jeder seine Heimatstadt Tirschtiegel zu verteidigen habe gegen die »russischen Horden«. Als ich das als 14-Jähriger meinem Großvater Schulz erzählte, dass ich hier bleiben muß zur Verteidigung meiner Heimatstadt, wurde er sehr wütend. So kannte ich ihn gar nicht, als er fordernd sagte: Wenn wir flüchten müssen, dann kommst Du auch mit!


Einsatz der schw. Flak Abt. 432, ab 28.01.1945 im Raum Bentschen
Mein Vater Friedrich Wilhelm Kahl Jahrg. 1900 war von Beruf Korbmacher und Tiefbauarbeiter. Von 1934 bis 1939 war er bei Firmen tätig, die am Bau der Festungsfront Oder-Warthe-Bogen (Ostwall) beteiligt waren. Bis zu seiner Einberufung war er „unabkömmlich“.


Er arbeitete als einziger männlicher Korbmacher in einem „Frauenbetrieb“ in Tirschtiegel, wo Geschoßkörbe für die Artillerie produziert wurden. Am 30.08.1944 kam er zur 1./schw. Flak-Abt. 432 (o) (ortsfest). Sein Einsatz erfolgte zur Verteidigung kriegs- und lebenswichtiger Anlagen im Heimatkriegsgebiet gegen Luftangriffe. Er war stationiert auf dem Fliegerhorst Jena-Rödingen.
Am 22.01.1945 erfolgte sein Einsatz im Mittelabschnitt der Ostfront im Erdkampf. Eine Frau Härtel aus Tirschtiegel hat am 28. Januar 1945 auf dem Bahnhof in Schwiebus meinen Vater mit seinen Kameraden gesehen und hat mit ihm gesprochen. Die Flakgeschütze standen auf Bahnwaggons, und er sagte, dass sie nach Bentschen zum Einsatz kommen sollen.
Im Raum Bentschen-Strese-Brausendorf kam es zu mehrtägigen schweren Kämpfen, in deren Ergebnis sich die deutschen Einheiten ergeben hatten.
Darüber schrieb der ehemalige Vorsitzende des Heimatkreis Meseritz e. V., Ernst Hoffmann, folgendes:
Beim Ausräumen des gebildeten Kessels etwas südlich von Tirschtiegel verübten die Rotarmisten ein Massaker, bei dem etwa 2.000 deutsche Soldaten nach Schilderungen eines Einwohners von Groß Dammer bestialisch umgebracht worden sind.
Der Platz, an dem diese Massengräber liegen sollen, befindet sich an der alten Straße von Bentschen nach Westen Richtung Groß Dammer“. Seitdem ist mein Vater vermisst und es gab auch über den Verein „Pomost“ keine weiterführenden Informationen zur Aufklärung der Vermisstensache.

Die Flucht aus Tirschtiegel
In den späten Abendstunden des 25. Januar 1945 schlug auch für meine Familie und für viele Einwohner der Stadt Tirschtiegel die Schicksalsstunde. Hauptmann Gerd Fischer von Mollard, der 2 Tage vorher seine Familie auf die Flucht geschickt hatte und nun Angehöriger der Wehrmacht war, meldete sich bei meinem Großvater Schulz telefonisch mit den Worten; „Schulz, spannen Sie die Pferde an und hauen Sie ab, der Russe ist da!“.

Die Familien der Angestellten des Gutes hatten bereits in den vergangenen Tagen mehrere luftbereifte Pferdewagen mit Planen überdeckt vorbereitet und mit dem notwendigsten Hausrat beladen. Die jeweiligen Familien wurden alarmiert und ich ging mit zum Gutshof, um die Pferde zu holen. Vor den Wagen wurden 3 Pferde gespannt und 2 weitere hinten als Reserve angebunden. In der Eile hatte man vergessen, das Futter für die Pferde aufzuladen. Schnell liefen wir zum Speicher und beluden einen weiteren Wagen mit Hafersäcken.

Der Treck unter Führung des Gutsverwalters Wilhelm Liebig zog in die kalte Winternacht durch den hohen Schnee auf der Straße nach Meseritz mit dem Ziel, Küstrin zu erreichen und über die Oder zu gelangen. Aus Richtung der Altstadt hatte sich das Feuer aus Panzerkanonen verstärkt. Am Horizont blitzte es von den Abschüssen und man konnte bereits Feuerschein erkennen. Während der Fahrt hörte ich noch immer das Rufen und Bitten der Frauen mit Kindern, die zu Fuß unterwegs waren und mitgenommen werden wollten. Unsere Wagen waren mit mehreren Familien besetzt, so dass kein Platz mehr vorhanden gewesen wäre.

In den Morgenstunden erreichten wir den Marktplatz in Meseritz, wo wir warme Getränke und Essen erhielten. Immer wieder kamen Meseritzer Einwohner an unseren Wagen und fragten, wo wir herkämen. Als sie hörten, dass wir aus Tirschtiegel sind und dort bereits geschossen wurde, liefen sie in Panik nach Hause. Unser Treck bestand aus mehreren Pferdewagen. Benutzt wurden vorwiegend Nebenstraßen, um nicht von den Kraftfahrzeugen der deutschen Wehrmacht überrollt zu werden, die auf den Hauptstraßen nahezu ununterbrochen Richtung Westen fuhren.

Unser Treck fuhr ab Meseritz die Strecke: Pieske – Tempel – Grochow – Schermeisel – Zielenzig - Drossen – Küstrin, teilweise begleitet von weiteren Pferdewagen aus Tirschtiegel. An der Oderbrücke in Küstrin gab es einen längeren Halt. Hier war eine Auffanglinie eingerichtet worden, denn „Kettenhunde“ der Wehrmacht und Angehörige der Waffen-SS kontrollierten jedes Fahrzeug. Wir hatten auf unserem Wagen einen Volkssturmmann aus Tirschtiegel versteckt, der jedoch bei der Kontrolle nicht entdeckt wurde.
Insgesamt waren wir über 3 Wochen unterwegs, bis wir uns am 18. Februar 1945 in Perleberg, der Kreisstadt der Westprignitz, zur Einweisung anmelden konnten. Die Prignitz war als Auffanggebiet für den Kreis Meseritz festgelegt worden.


Auf der Flucht gestorben
In einem Brief vom 23.02.1945 teilt meine Tante Friederike Weidner meiner Mutter Elisabeth Kahl Einzelheiten über die Flucht ihrer Eltern aus Tirschtiegel mit.
Darin heißt es:

„Seit dem 20. Januar 1945 zogen die Flüchtlingstrecks aus dem Warthegau durch die Stadt. Unsere Eltern Wilhelm Weidner * 1870 und seine Frau Emilie * 1874 (Schwester meines Großvaters Hermann Schulz) flüchteten am 25. Januar 1945 abends gegen 22 Uhr zu Fuß mit einem Handwagen aus dem schon brennenden Tirschtiegel. Hinter sich die russischen Panzer. In dieser Nacht starb der Vater an Herzschlag. Man hatte ihn auf den Handwagen gehoben, da er vor Schwäche, Aufregung und Kälte nicht mehr durch den hohen Schnee laufen konnte. Als er tot war, ließ man ihn im nächsten Dorf in Dürrlettel im Spritzenhaus liegen.


Als die Mutter mit ihrem Handwagen in Dürrlettel ankam, war der Treck schon weitergezogen. Einige, die auch zu Fuß waren, blieben noch einen Tag bei ihr im Gasthaus an der verlassenen Bahnstrecke Neu Bentschen - Meseritz in Dürrlettel.“







Tante Friederike Weidner war auf der Suche ihrer Eltern und schreibt:

„Es wurde Nacht. Wir stapften durch den tief verschneiten Wald dem Geschützdonner entgegen. Das Gasthaus lag voller Militär. Die Mutter war nicht zu finden. Wir suchten in der Wartehalle an der Strecke, wo noch einige Zivilisten sein sollten. Auch hier alles voll Militär.
Ein Mann sagte, bis gestern war die Mutter noch da. Eine Bahnbeamtenfrau hat sie in ihre Wohnung mitgenommen, als sie nach drei Tagen durstig vom Brunnen das kalte Wasser holte.
Nach 11 Uhr fanden wir sie noch ganz verstört im Bett. Wir blieben die Nacht auch da. Alle im Hause waren schon fort. Die Frau war die letzte, weil der Mann noch Dienst tat.
Am Sonntagmorgen gingen wir mit Mutter und ihren Habseligkeiten ins Dorf Dürrlettel. Wir begegneten einem ganzen Regiment in Schneehemden.
Ein Sarg war nirgend zu bekommen. Der Totengräber hatte Flüchtlinge zu fahren. Er hatte keine Zeit, uns auf dem Friedhof den Platz für den Vater anzuweisen. Wir könnten das Grab selber schaufeln bei einem Meter tiefen Frost im Lehmboden. Den Vater haben wir der Gemeinde übergeben. Es werden vielleicht am selben Tage genug Soldaten gefallen sein, wo der Vater mit beerdigt werden konnte.
Die Wehrmacht drängte uns, das Dorf so schnell wie möglich zu verlassen. Die Front sei ganz nahe. Um uns sausten die Flieger, es schoß von allen Seiten.
Da hieß es, ein Wehrmachtslastwagen soll nach Schwiebus abgeschleppt werden. Wir luden auf, kletterten nach und fuhren los. Unterwegs halfen wir zweimal den LKW aus den Schneewehen bei eisigem Gestöber freizuschippen.“



Mutter und Tochter Weidner konnten ihr Leben retten und kamen nach vielen Umwegen nach Osterburg, wo sie sich eine neue Heimat aufbauen konnten.
Auf dem Friedhof in Dürrlettel wurde auf Initiative vieler Heimatfreunde am 08. Juni 2013 ein Gedenkstein eingeweiht. In einer zweisprachigen Inschrift erinnert er an die ehemaligen deutschen Einwohner von Dürrlettel und die bei einem Massaker im Januar 1945 ermordeten deutschen Soldaten und Zivilisten, darunter waren 2 Krankenschwestern.