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Auf den Spuren der Vorfahren
Reise durch
Ostpreußen und in den
Kreis Meseritz
Text und Fotos: Louisa Nethert
Mein Vater und ich hatten die Reise in die Heimatregion
unserer Familie schon länger geplant. Als
mich Herr Fischer von Mollard zum Heimatkreistreffen
in Perleberg 2026 einlud, haben wir das Treffen in der
Prignitz zum Startpunkt einer Reise genommen, auf die ich
mich schon lange gefreut hatte.
Der Weg nach Osten
Unser erster Halt galt Nerdin (Medow) in
Mecklenburg, einem Ort mit besonderer Bedeutung
für unsere Familie. Hierhin war meine Urgroßmutter
nach der Vertreibung mit ihren Kindern
geflohen und hatte hier eine neue Heimat gefunden.
Als Kind habe ich hier einige Ferien verbracht,
und es war schön, noch einmal daran erinnert zu
werden, bevor wir uns auf den Weg nach Polen
machten.
Über Kolberg, wo wir eine Nacht bei meiner
Tante verbrachten, fuhren wir weiter nach Danzig.
Wer die Altstadt noch nicht kennt: Sie ist wunderschön
restauriert und verdient wirklich mehr als
nur einen kurzen Stopp. Von dort ging es nach
Malbork / Marienburg, wo die Ordensburg schon
von weitem beeindruckt und einem klarmacht, warum
sie zum
UNESCO-Welterbe gehört.
Elbing gefiel vor allem meinem Vater sehr gut,
und bei Kaffee und Kuchen haben wir uns eine
kleine Pause gegönnt, bevor wir weiter nach Frombork
(Frauenburg) fuhren. Der Dom auf dem Domhügel,
mit Blick auf das Frische Haff, ist wunderschön
anzusehen und man merkt, wie viel Sorgfalt
in den Wiederaufbau geflossen ist.
Unser Standort für zwei Nächte war Heilsberg
(Lidzbark Warminski), zentral im Ermland gelegen.
Die bischöfliche Burg ist gut erhalten und lässt
sich ausführlich besichtigen, und auch das Städtchen
selbst hat uns mit seinem gemütlichen Zentrum
sehr gut gefallen. Von hier aus lassen sich
weite Teile des Ermlandes bequem erkunden, was
wir weidlich genutzt haben.
Auf dem Weg Richtung Meseritz legten wir
noch einen Stopp in Graudenz ein, wo uns die
gut erhaltenen Teile der alten Stadtmauer und
Wallanlagen begeistert haben.
Ankommen in Neuhöfchen
Nach einer längeren Fahrt erreichten wir
schließlich Neuhöfchen (Nowy Dworek), ein kleines
Dorf im Kreis Züllichau-Schwiebus (heute
Kreis Swiebodzin), aus dem viele meiner Vorfahren
stammen.
Hier wurde 1818 mein Urururugroßvater Lorenz
Nethert geboren, der später das Grundstück in
Schindelmühl erwarb, auf dem unsere Familie bis
zur Vertreibung 1945 lebte. Wir übernachteten auf
einem kleinen, liebevoll für Gäste hergerichteten
Hof, und ich glaube, wir haben beide ein bisschen
aufgeatmet, als wir endlich angekommen waren.
Jordan, Paradies und Schindelmühl
Am nächsten Morgen fuhren wir zunächst nach
Jordan. Auf dem dortigen Kirchhof stehen mehrere
noch gut lesbare deutsche Grabsteine, und
die alten Eichen dort sind wirklich beeindruckend,
so etwas habe ich selten gesehen. Bemerkenswert
ist außerdem, dass hier zwei Kirchen direkt
hintereinander stehen.
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Kirche in Jordan |
Ein Dorf weiter liegt Paradies mit seinem
Zisterzienserkloster. Hier hatten wir wirklich
Glück: Der Leiter des Klosters bot uns spontan
eine ausführliche Privatführung an. Das Kloster
wird gerade umfassend renoviert, und es war faszinierend
zu hören, was dabei alles ans Licht
kommt. Wer in die Region reist, sollte sich diesen
Abstecher nicht entgehen lassen.
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Kloster Paradies |
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links: Privatführung im Kloster
rechts: Das Taufbecken |
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Schindelmühl: Nummer 37, das Haus meiner Familie |
Von Paradies führt eine Straße bergauf nach
Schindelmühl, und ich muss gestehen, dass ich
in diesen letzten Minuten der Fahrt ganz still wurde.
Ich hatte mir in den Monaten zuvor alte
Grundbuchakten beschafft, Skizzen studiert und
die Erzählungen meines Großvaters im Kopf. Und
dann standen wir plötzlich davor: Haus Nummer
37. Es ist schwer zu beschreiben, was man in so
einem Moment fühlt. Man kennt diesen Ort nicht, er ist nicht das eigene Zuhause, und doch bekommt
alles, was man bisher nur auf Papier kannte,
mit einem Mal ein Gesicht.
Das Dorf hat sich verändert, doch die Grundstruktur
ist noch gut erkennbar. Die Höfe werden
weiterhin landwirtschaftlich genutzt, viele der typischen
langgezogenen Grundstücke sind noch
erhalten, manche mittlerweile mit einem Neubau
im hinteren Teil ergänzt. Die alten Ställe am Geburtshaus
meines Großvaters wurden leider abgerissen,
was ein bisschen wehmütig stimmt.
Auf dem Nachbargrundstück trafen wir einen
älteren Herrn, der uns bereitwillig von früher erzählte
und uns einen lebhaften Eindruck des damaligen
Lebens im Dorf gab.
Weiter oben im Dorf wohnt ein Mann, der durch
seine Zeit in Deutschland gut Deutsch gelernt hat
und uns nach kurzem Gespräch herzlich auf Kaffee
und Gebäck einlud.
Solche Begegnungen machen eine Reise aus.
Wir unterhielten uns über den Wandel des Dorfes,
lachten zusammen, und ich habe mich einmal
mehr gefragt, warum man eigentlich nicht öfter
einfach anklopft. Bevor wir aufbrachen, besuchten
wir noch die Kirche Schindelmühls und das
Schulhaus nebenan, in dem mein Großvater einst
unterrichtet wurde. Durch das hübsche Straßendorf
Kalau fuhren wir bei Regen leider nur durch.
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| Sonntags vor der Kirche, mein Opa vorn mittig. |
Meseritz und Heimreise
Den Abschluss der Reise bildete ein Mittagessen
in Meseritz und ein kurzer Spaziergang zur
Burg, inklusive des Kaufs eines Ansteckmagneten als Erinnerung.
Die Woche steckte uns beiden ehrlich gesagt gehörig
in den Knochen, und so traten wir danach
gut gesättigt und zufrieden die Heimreise an.
Ein letzter Halt: Potsdam
Den schönsten Moment der ganzen Reise erlebten
wir am Tag darauf, als wir meinen Großvater
in Potsdam besuchten. Er ist 91 Jahre alt und
erzählt noch so lebendig aus seiner Kindheit, dass
man meint, man wäre dabei: von der Ernte, bei
der alle Kinder mithelfen mussten, vom Leben der
Dorfgemeinschaft rund um die Kirche, und von
der Flucht, die allem ein Ende setzte. Beim Durchsehen
der Reisefotos erzählte er uns dann fast
beiläufig, dass zwei unserer Vorfahren im Kloster
Paradies gelebt und gearbeitet hatten. In jenem
Kloster, das wir erst wenige Tage zuvor besucht
hatten. Für solche Momente betreibt man Ahnenforschung.
Zum Schluss
Diese Reise war mein erster gemeinsamer Urlaub
mit meinem Vater und wohl sein letzter dieser
Art, denn er ist sehr krank. Ich bin froh und
dankbar, dass wir sie gemeinsam unternommen
haben, und ich werde wiederkommen. Es gibt noch viele
Dörfer, Archive und Geschichten, denen ich nachgehen
möchte.

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