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NACHRUF
Zum Gedenken an Wanda Strozczynska, geb. Golz,
Lehrerin und Kulturmittlerin
Ewa Strozczynska-Wille, Liliana Dyszkant,
Andrzej Strozczynski und Tante Reniad
Sich engagieren und nicht gleichgültig sein
Unsere liebe Mama, Oma, Urgroßmutter,
Schwester, Schwiegermutter und Tante – und für
alle einfach Babi oder Frau Wanda wurde am 27.
Februar 1934 in Pszczew geboren.
Hier wuchs sie auf, absolvierte die Grundschule
und später das Gymnasium in Meseritz/Miêdzyrzecz.
Nach dem Abitur besuchte sie gemeinsam
mit ihrer Schwester Renia, die Pädagogische
Fachschule in Osno Lubuskie(Drossen), obwohl
es nicht unbedingt ihr erster Wunsch war.
Schon während der Zeit im Gymnasium las sie
sehr viel auf Deutsch, sogar den „Faust“ von Gothe
nahm sie sich vor und ihr größter Traum war es,
an der Universität in Posen Germanistik zu studieren.
Doch die Zeiten nach dem Krieg waren schwierig,
das nötige Geld fehlte, und so fügte sie sich
dem Gebot der Stunde, möglichst schnell einen
Beruf zu erlangen. Mit der Zeit lernte sie aber ihren
Beruf lieben, wurde eine engagierte, bei den
Schülern allgemein sehr beliebte Lehrerin.
Lesen war ihre große Leidenschaft bis ins hohe
Alter. Sie verschlang Bücher, egal ob in polnischer
oder deutscher Sprache, und noch im Rollstuhl
las sie stundenlang, mit ihrer klaren Stimme laut
vor sich hin.
Die erste berufliche Station war die Grundschule
in Kosieczyn bei Neu Bentschen / Zbaszynek,
die Lebens- und Wohnverhätnisse waren sehr bescheiden,
die Situation an der Schule sehr fordernd.
Später unterrichtete sie Deutsch am Gymnasium
in Schwiebus / Swiebodzin. An diese Zeit
erinnerte sie sich immer sehr gern.
Sie heiratete den Forstingenieur Henryk
Strozczynski und zog mit ihm 1962 - nach
Zwischenstationen in Rogsen / Rogoziniec und
Reppen/ Rzepin, wo Henryk an den Berufsschulen
für Forstwesen unterrichtete – nach Wymiarki
/Wiesau bei Sagan.
Die ersten Jahre dort waren für die junge Frau
sehr hart. Ein einsames Forsthaus am Waldrand,
1,5 km zum nächsten Laden, kein Auto, nicht mal
ein Fahrrad und zwei kleine Kinder waren zu versorgen
– Ewa (1958) und Liliana (1960), später
kam der Sohn Andrzej auf die Welt (1967). Henryk
war beruflich sehr eingespannt, hatte kaum Zeit
für die häuslichen Belange und so musste sie den
Alltag mit all den Sorgen weitgehend selbständig
meistern. Für die junge Frau aus einem doch behüteten
Haus und einer Kleinstadt waren es sehr
prägende Lehrjahre.
Sobald die Töchter in das Kindergartenalter kamen,
beschloss sie, ihren Beruf an der dortigen
Grundschule wieder aufzunehmen. Nicht nur, weil
sie gerne unterrichtete, den Kontakt mit Menschen
– Lehrerkollegen, Schülern, den Eltern – schätzte,
sondern auch wegen einer gewissen materiellen
Unabhängigkeit, die ihr als Frau wichtig war.
Eine weitere ihrer großen Leidenschaften war
die polnische Folklore, insbesondere die des
Lebuser Landes. Die polnische Volkskunst ist sehr
vielfältig, jede Region hat einen eigenen Kanon
an Liedern, Tänzen und bunten Trachten. Das Interesse
dafür weckte in ihr Maria Borowska, eine
Lehrerein aus Biala Podlaska, die kurz nach dem
Krieg in Pszczew unterrichtete.
Wanda absolvierte später einige Fachkurse in
den Ferien und gründete ein Tanzensemble an
ihrer Schule. Mit ihrem Tanzensemble nahm sie
an zahlreichen regionalen Wettbewerben und Festivals
teil, trat regelmäßig bei den örtlichen Feiern
auf und erfreute sich mit seinem abwechslungsreichen
Repertoire großer Aufmerksamkeit.
Die Faszination für Tanz und Musik gab sie weter. Drei ihrer Schüler absolvierten die renommierte
Ballettschule in Posen. Später traten sie in bekannten
Musiktheatern und sogar im weltberühmten
Gesangs- und Tanzensemble „Mazowsze“ auf.
Auch ihre Kinder und alle Enkelkinder - Jakub,
Hubert, Lara, Sandra, Marta und Julia, sogar die
Berliner Enkelin Lara – mussten in dem Tanzensemble
„Mali Pszczewiacy“ (Kleine Betscher)
mitmachen, welches sie nach ihrer Pensionierung
und der Rückkehr nach Betsche auch hier gründete.
Über Jahre hinweg traten „Mali Pszczewiacy“
bei örtlichen Veranstaltungen auf, wie dem jährlichen
Magdalenen-Volksfest, das am 22. Juni stattfindet,
und inzwischen über die Grenzen der Region
zu einer Großveranstaltung mit vielen kulturellen
und kulinarischen Angeboten und Tausenden
Besuchern geworden ist. Das Tanzensemble
nahm an internationalen Festivals in Deutschland,
Tschechien und Belarus teil und hat es sogar auf
Einladung des österreichischen Präsidenten bis
in die Hofburg in Wien geschafft.
Die Leidenschaft für die Folklore verband sie
mit dem Interesse an der Geschichte der Region.
So gründete sie mit ihrem Mann Henryk den Verein
„Betscher Freundeskreis“, der viele lokale Initiativen
gestiftet und Veranstaltungen organisiert
hat. Auch die Gedenksteine zur Erinnerung an den
evangelischen und jüdischen Friedhof in Betsche
gehen auf ihre Initiative und das Engagement des
Vereins zurück.
Sie inszenierte mit den Betschern das in Polen
sehr bekannte Theaterstück „Moralnosc Pani
Dulskiej“ und veröffentlichte das Buch „Es war
einmal …“ (Dawno temu w Pszczewie“), erschienen
in polnischer und deutscher Sprache. Es handelt
sich um eine Sammlung von Erinnerungen,
Geschichten aus und über Betsche, auch Legenden,
die sich um diese, von ihr sehr geliebten
wunderschönen Gegend ranken.
Sie war sehr stolz und glücklich, dass sie eine
Zeit der offenen Grenzen erleben durfte, der Multikulturalität,
der Toleranz und der Zugehörigkeit
Polens zur Europäischen Union.
Wanda führte ein sehr offenes Haus voller
Gäste, wurde oft als Zeitzeugin von Besuchern
und jungen Menschen befragt. Sie genoss diese
Besuche, darunter viele ehemalige Betscher oder
ihre Nachkommen und erzählte gern. Immer
wieder empörte sie sich dabei über die Tatsache,
dass Betsche nach dem Krieg ungerechterweise
die Stadtrechte aberkannt wurden. Sie unternahm
einige Initiativen, um die damalige Entscheidung
rückgängig zu machen, jedoch ohne Erfolg.
Im Familienleben war sie eine Person, die die
Richtung vorgab, die über eine gute Intuition verfügte
und konsequent und durchaus eigensinnig
ihre Pläne verfolgte.
Wir erinnern uns an die wunderbaren Weihnachtsfeiertage,
die wir in unserem Familienhaus
in der Szarzecka Straße verbracht haben. Es gab
dort jede Menge gutes Essen, unvergesslich die
Karpfensuppe - und es wurde viel gemeinsam gesungen,
polnische, aber auch deutsche Lieder.
Wir erinnern uns an die gemeinsamen Badeausflüge
und Spaziergänge zum Scharziger See,
dessen Anblick sie immer aufs Neue begeisterte.
Und natürlich waren ihre geliebten Hunde immer
dabei.
Wir verabschieden uns von dir, Mama, an diesem
schönen, sonnigen, wenn auch novemberlichen
Tag. Mögen die sanften Wellen des Scharziger
Sees im Rhythmus der Musik für Dich spielen,
an diesem wunderbaren Ort, den Du so geliebt
hast.
In Liebe und Dankbarkeit –
Ewa Strozczynska-Wille, Liliana Dyszkant,
Andrzej Strozczynski und Tante Renia
Vorstand und Beirat des Heimatkreis Meseritz e. V. und der Heimatkreisgemeinschaft Birnbaum Heimatkreis Meseritz trauern mit Familie Strozczynska um ihren Verlust und gedenken einer geschätzten Heimatfreundin.

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