Das Dremel Kreuz
Fotos und Text: Joachim Gladisch


Das Dremel Kreuz

Wenn man den Weg von Scharzig/Szarcz nach Liebuch/Lubikowo fährt, liegt nach ungefähr zwei Kilometern hinter dem Dorf Scharzig linkerhand ausgebaut der Bauernhof der Familie Dremel, der elterliche Hof meiner Mutter Magdalena Gladisch, geborene Dremel.
Auf dem Feldrain zwischen dem Feld und dem Liebucher Weg stand und steht seit jeher auf einem Hügel ein Wegekreuz. Das Kreuz (ca. 3 m hoch) wurde von meinen Vorfahren aus der Linie Dremel errichtet und hat an dieser Stelle allen politischen Einflüssen zum Trotz die Zeiten überstanden. Ich erinnere mich daran, als mein Großvater Roman Dremel im November 1966 starb. Er wurde, wie damals noch üblich, zuhause aufgebahrt. Nach der Verabschiedung durch Verwandte, Freunde, Bekannte und Nachbarn wurde der Sarg mit dem Leichnam auf einem Leichenwagen von einem Pferdegespann in Gefolgschaft des Trauerzuges bis zu dem ca. 200 m entfernten Kreuz gezogen.
Hier erfolgte vor dem genannten Kreuz eine letzte Verabschiedung. Danach fuhr der Leichenwagen zum Trauergottesdienst zur Kirche nach Betsche/Pszczew. Anschießend erfolgte die Beerdigung auf dem Betscher Friedhof.

Anfang der 1970er Jahre mußte das Kreuz witterungs- und altersbedingt erneuert werden. Die damaligen politischen Machthaber ließen jedoch an Symbolen dieser Art lediglich Reparaturen zu. Deren Austausch oder Neubau war nicht erlaubt. Da der Zahn der Zeit an dem alten Holzkreuz bereits stark genagt hatte, entschlossen sich damals mein Onkel, Georg Dremel - der Eigentümer des Bauernhofs - und mein Vater, der Tischlermeister Josef Gladisch, das alte Kreuz trotzdem zu ersetzen. Georg Dremel lieferte das Eichenholz für das neue Kreuz und mein Vater fertigte es an.
Um das neue Kreuz nicht auffallen zu lassen, hat man es farblich dem alten Kreuz angeglichen. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde dann das alte Kreuz gegen das neue ausgetauscht. Dieses „neue“ Kreuz steht nun schon wieder knapp 50 Jahre. Und inzwischen hat auch daran die Witterung starke Spuren hinterlassen. Deshalb reifte in den letzten Jahren in mir der Gedanke dieses Kreuz, das für die Nachkommen der Familie Dremel eine familientraditionelle Bedeutung hat, zu restaurieren.

Ende des Jahres 2017 habe ich beschlossen die Restaurierung in 2018 durchzuführen. Die Arbeiten wurden von Roman Denicki, dem Sohn meiner Cousine, der Tischler von Beruf ist, und mir durchgeführt. Dabei ging es uns darum, möglichst alle Bestandteile des vorhandenen Kreuzes zu erhalten.
Mein Cousin, Hubert Zeh aus Solben/Zolwin, hat im Vorfeld der geplanten Restaurierung die über Jahrzehnte verrosteten Verschraubungen gängig gemacht und den das Kreuz umgebenden Feldrain ausgemäht.
Mitte Juli dieses Jahres haben wir dann mit der Restaurierung begonnen und das Kreuz an seinem Standort abgebaut. Anschließend haben wir es mit einem Pkw-Anhänger nach Lowin/Lowyn gebracht. Roman Denicki wohnt in Lowin und hat im Keller seines Wohnhauses eine kleine Tischlerwerkstatt. Dort haben wir das Kreuz in seine Bestandteile zerlegt und geprüft, wie man die Renovierung am sinnvollsten durchführen kann. Im Zuge dessen stellte sich heraus, daß sich das Querholz nicht erhalten lässt und erneuert werden muss. Dafür hat einer meiner Cousins, Leszek Kaczmarek aus Betsche/Pszczew, das Eichenholz zur Verfügung gestellt.
Durch Wassereintritt sind das senkrechte Holz im Kopfbereich und weitere drei Bereiche an den Verästungsstellen im Laufe der Jahrzehnte morsch geworden. Die erhaltenen Holzbestandteile des Kreuzes haben wir mit einer Stahlbürste auf der Bohrmaschine und einem Bandschleifer sauber geschliffen.
Das Kopfstück und die weiteren drei genannten morschen Stellen hat Roman mit einer Oberfräse ausgefräst und millimetergenau Eichenklötze eingeleimt. Nach dem Trocknungsvorgang haben wir die eingesetzten Holzstücke plangehobelt. Die tiefen Risse, die im alten Holz vorhanden waren, wurden mit Kunstharz ausgegossen und am nächsten Tag noch einmal gründlich geschliffen. Anschließend erhielt das Kreuz in weiteren drei Arbeitsgängen eine Imprägnierungs- und Schutzlasur.
Auch die Christusfigur aus Guß, deren Farbe über die Jahrzehnte erheblich gelitten hatte, wurde angeschliffen, in silbergrau lackiert und wieder am Kreuz befestigt. Die Bodenverankerung aus Stahl wurde ebenfalls abgeschliffen, grundiert und passend in schwarz lackiert.

Nach abgeschlossener 5-tägiger Restaurierung haben wir das Kreuz auf dem Pkw-Anhänger von Roman Denicki wieder an seinen angestammten Platz nach Scharzig gebracht und aufgestellt.


Das Dremel Kreuz Im Laufe der letzten Jahre hat dieses Kreuz noch eine weitere Bedeutung erfahren. Es liegt unmittelbar am Pilgerweg von Betsche über Scharzig und Liebuch zur Wallfahrtskirche in Rokitten/ Rokitno. Deshalb hat es inzwischen auf diesem Pilgerweg die Station Nummer XII erhalten. Das kleine Nummernschildchen haben wir vor der Restaurierung ebenfalls abgenommen und nun wieder daran befestigt. Genia Kowalska, ebenfalls eine Verwandte, hat danach die Stelle um das Kreuz ringförmig mit Feldsteinen ausgelegt und darin den Boden mit Tannengrün und Heidekraut geschmückt.

Da alle Mitglieder der weitläufigen Verwandtschaft Dremel die Restaurierung interessiert verfolgten, haben wir entschieden, das Kreuz nach der abgeschlossenen Restaurierung im Rahmen einer Familienfeier weihen zu lassen.
Dazu haben wir uns am Samstag, dem 13. Oktober 2018, nachmittags bei strahlendem Sonnenschein am Kreuz eingefunden, und der mit uns befreundete Pfarrer Andrzej Kugielski aus Bobelwitz/Bobo wicko nahm die Kreuzweihe vor.

Danach haben wir uns zum gemütlichen Beisammensein in der am Südufer des Chlopsees/ jezioro Chlop in Heidemühl/Borowy Mlyn gelegenen Gastwirtschaft „Borowa Zatoka“ getroffen und den Tag ausklingen lassen.